Wenn Sie jetzt den Begriff "Sunk costs" googeln, verstehen Sie dann die Zusammenhänge zwischen Bildung und Digitalisierung, zwischen Politik und BigTech? Die vielen Informationskanäle unserer zunehmend digitalisierten Umwelt zeigen uns - je nach persönlichem Kenntnisstand über die Welt und digitale Medien - eine komplexe oder einfach gestrickte Welt. Deren Grenzen können lokal, regional, national, international oder global sein - je nach persönlichen Präferenzen. Meist wird die Auswahl durch Algorithmen (mit-)bestimmt: Wir erfahren, was sich Menschen mit mehr IT-Know-how und einem definierten Kommunikationsziel für uns ausgedacht haben. Die Vielzahl der Möglichkeiten verlangt uns viel Reflexionsfähigkeit ab. Benötigt werden dazu ein solides Vorwissen zum Einordnen des Gelesenen oder per Video Gehörten, ein Meinungsaustausch mit anderen Menschen und vor allem Zeit, um darüber nachzudenken.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin und Unternehmensberaterin in Wien. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreises Industrie 4.0/IoT und Aufsichtsratsvorsitzende des Verbandes Österreichischer Wirtschaftsakademiker sowie Fachbuchautorin. - © Symfony / Klaus Prokop
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftspädagogin und Unternehmensberaterin in Wien. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreises Industrie 4.0/IoT und Aufsichtsratsvorsitzende des Verbandes Österreichischer Wirtschaftsakademiker sowie Fachbuchautorin. - © Symfony / Klaus Prokop

Die Grundlagen dafür werden in Kindheit und Jugend von der Familie und den Bildungsinstitutionen gelegt. Wie dies geschieht, hat auch physiologische Auswirkungen auf das Gehirn: Je nach den erlebten Erfahrungen werden andere neuronale Netze gebildet. Je nach genutztem Informationseingangskanal (Hände, Augen, Ohren) gestaltet sich auch der Körper: Vorwiegendes Lesen am Smartphone führt zu Kurzsichtigkeit. In Seoul benötigen gut 97 Prozent der 19-jährigen Burschen eine Brille, in Deutschland gilt dies für geschätzte 40 Prozent der Abiturenten. Orthopäden listen noch viele weitere Folgeschäden von stundenlanger Handy- und Computer-Nutzung auf.

Bewegung, vorzugsweise im Freien, haptisch kreatives Arbeiten, Methodenvielfalt und kleine überschaubare Gruppen, in denen sinnvolles Diskutieren möglich ist, sind in einer immer komplexer werdenden Welt das Gebot der Stunde. Vorausgesetzt, dass das Ziel ein Bildungssystem ist, das zukunftsfit macht. Das "papierlose Büro"-Format sollte dabei nur ein Baustein von vielen sein. Die Fixierung auf "Ein Tablet für jedes Schulkind" führt zu höheren Kosten ohne entsprechenden Nutzen - Sunk costs sozusagen, weil nämlich erstens den vorwiegend über den Bildschirm Gebildeten die komplexen Zusammenhänge verborgen bleiben und daher Fehlentwicklungen verstärkt und zweitens häufig vermeidbare körperliche Schäden verursacht werden.

Wenn Digitalisierungsstaatssekretär Florian Tursky seine Konzeptionsarbeit am Tablet im "Shared Office" als Begründung für die Digital-Offensive im Bildungssystem nennt, dann wünscht man Österreichs Politik erstens einen Meinungsaustausch mit medizinischen und pädagogischen Fachleuten aus Wissenschaft und Praxis sowie zweitens Zeit zum Reflektieren, um die komplexen Zusammenhänge von psychologischer und körperlicher Entwicklung von Menschen und Gesellschaften sowie der Digitalisierung und ihren komplexen Auswirkungen zu erkennen.

Mit diesem Kenntnisstand sollte ein Bildungssystem möglich sein, das seiner fundamentalen Bedeutung für unsere Zukunft entspricht. Ein kleiner Tipp: Sommerkurse zum Weiterlernen können schon gebucht werden.