Das Thema ist aktueller denn je: Seit dem Krieg in der Ukraine ist die Getreideausfuhr dieses bedeutenden Weizenproduzenten nicht mehr sichergestellt. Die globalen Weizenpreise haben sich binnen eines Jahres fast verdoppelt, und in zahlreichen Regionen der Welt drohen drastische Engpässe bei der Nahrungsmittelversorgung. Eine gewaltige Katastrophe kündigt sich an - aber eigentlich ist sie schon längst da. Sie wurde in den Medien nur bisher kaum wahrgenommen. Mangelndes öffentliches Interesse verhindert eine effektive Lösung des globalen Hungerproblems.

Ladislaus Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim. - © privat
Ladislaus Ludescher ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für deutsche Literatur und ihre Didaktik der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Lehrbeauftragter am Historischen Institut der Universität Mannheim. - © privat

Die Zahlen sind erschreckend: In Afghanistan zum Beispiel leiden mehr als 23 Millionen Menschen (und damit mehr als die Hälfte der Bevölkerung) unter akutem Hunger. Auch in Syrien und im Jemen ist die Ernährungslage katastrophal. Und die Hungerkrise in Ostafrika betrifft laut UN-Welternährungsprogramm (WFP) eine Hungerkrise mehr als 80 Millionen Menschen. Laut dem Welternährungsbericht der UNO ist die Zahl der chronisch Hungernden im Jahr 2020 weltweit auf bis zu 811 Millionen gestiegen. Damit hungert etwa jeder zehnte Mensch; mehr als zwei Milliarden leiden unter Mangelernährung; alle 13 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger - in einem Jahr also fast 2,5 Millionen Kinder. Das WFP - das 2020 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde - machte deutlich, dass jährlich mehr Menschen "an den Folgen des Hungers sterben (...) als an Aids, Malaria und Tuberkulose zusammen".

Dass es auch anders geht, zeigen die Erfolge der Bekämpfung des globalen Hungers in den vergangenen Jahrzehnten. Seit 2003 sank die Zahl der Hungernden von fast 950 Millionen kontinuierlich auf 780 Millionen im Jahr 2015. Besonders aufwühlend erscheint die aktuelle Lage daher, weil es sich um ein durchaus lösbares Problem handelt, wie zahlreiche Erfolgsprojekte gezeigt haben. Entsprechende Pläne liegen in den Schubladen der Hilfsorganisationen und humanitären Einrichtungen. Was sichergestellt werden muss, ist ein stabiler Geldfluss.

Voraussetzung eins: Ausreichende finanzielle Mittel

Schätzungen gehen davon aus, dass die vergangenen Rekordernten ausreichen würden, um bis zu 14 Milliarden Menschen zu ernähren. Die Berechnungen, wie viel Geld notwendig wäre, um den Hunger auf der Welt zu besiegen, divergieren und richten sich auch nach den jeweiligen konkreten Zielsetzungen. Laut dem International Institute for Sustainable Development werden global jährlich 12 Milliarden Dollar zur Hungerbekämpfung ausgegeben. Zusätzliche 14 Milliarden Dollar pro Jahr könnten laut einer Berechnung des kanadischen Instituts in Kooperation mit dem International Food Policy Research Institute und der Cornell University aus dem Jahr 2020 rund 500 Millionen Menschen bis 2030 aus Hunger und Fehlernährung befreien.

Deutschlands früherer Entwicklungsminister Gerd Müller, der Hunger wiederholt als "Mord" bezeichnete, weil sowohl das Wissen als auch die Technologie zur Verfügung stehen, um alle Menschen zu ernähren, bezifferte die nötige Summe zur Beendigung des Hungers bis zum Jahr 2030 auf 40 Milliarden Euro zusätzlich pro Jahr. Das mag viel erscheinen, verblasst allerdings neben den vom schwedischen Friedensforschungsinstitut Sipri auf 1,98 Billionen Dollar geschätzten globalen Militärausgaben im Jahr 2020 - die trotz Pandemie gestiegen sind und einen Höchststand seit Beginn der Erhebungen im Jahr 1988 erreicht haben.

Voraussetzung zwei: Politischer und öffentlicher Wille

Es braucht eine politische und öffentliche Bereitschaft, die entsprechenden Maßnahmen mitzutragen. Solange Katastrophenmeldungen wie jene, dass täglich mehr als 6.600 Kinder unter fünf Jahren verhungern, für alltäglich genommen werden und ihren Status als berichtenswerte Nachricht verlieren, wird dieses fundamentale Problem politisch nur randständig betrachtet und ist im alltäglichen Bewusstseinshorizont der Menschen nicht existent. Der Klimawandel hat gezeigt, dass signifikante Maßnahmen politischer Entscheidungsträger manchmal erst als ultimativ notwendig wahrgenommen werden, wenn das Thema auch von den Medien immer wieder in den öffentlichen Diskurs eingebracht wird. Erst der hieraus erwachsene öffentliche Druck lässt Politikern keine andere Wahl, als sich mit dem Problem zu beschäftigen und Lösungen zu suchen.

Ähnliches gilt es nun für den globalen Hunger zu leisten, der von allgemeiner Bekanntheit und Alltagspräsenz, so wie allgemein der globale Süden, weit entfernt ist. So kam er in der Nachrichtensendung mit der größten Reichweite im deutschsprachigen Raum, der "Tagesschau", im gesamten Jahr 2020 in lediglich 9 der insgesamt mehr als 3.000 ausgestrahlten Beiträge (ohne Sport und Wetter) vor, während Corona im selben Zeitraum fast 1.300 Beiträge gewidmet waren.

Die Vernachlässigung des Themas hat leider Routine: Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie die Kernreaktorkatastrophe von Fukushima kennen, ebenso die griechische Staatsschuldenkrise und den sogenannten Arabische Frühling. Während diese Themen die Auslandsberichterstattung im Jahr 2011 dominierten, hörte man wenig darüber, dass im selben Jahr infolge einer fehlenden Nahrungsmittelversorgung am Horn von Afrika in Somalia fast 260.000 Menschen verhungerten, die Hälfte davon Kinder unter fünf Jahren. Das Ereignis, das der damalige UN-Flüchtlingskommissar und heutige Generalsekretär António Guterres als "schlimmste humanitäre Katastrophe der Welt" bezeichnete, gehört zu jenen vergessenen Krisen, die im kollektiven Gedächtnis des Westens nicht existent sind, weil hierüber in den Medien kaum berichtet wurde.

Voraussetzung drei: Berichterstattung in den Medien

Eine Verantwortung für die Lösung der Problematik tragen daher auch die Medien. Ihnen obliegt die Aufgabe, mit nicht durch Wiederholung erlahmender Konsequenz und Alltagsresistenz auf dieses gewaltige globale Thema aufmerksam zu machen und dadurch auch soziopolitische Entscheidungsprozesse in Gang zu setzen. Wie lange könnte sich die Politik der Lösung des größten lösbaren Problems der Welt verweigern, wenn die führenden Medien den globalen Hunger zu ihrem Topthema machen würden? Die entscheidende Frage lautet daher nicht nur, wie viel Geld uns eine Welt ohne Hunger wert ist, sondern auch, wie viel mediale Zeit und Aufmerksamkeit.

Eine Studie mit dem Titel "Vergessene Welten und blinde Flecken" über die mediale Vernachlässigung des globalen Südens, eine Videozusammenfassung, eine Unterschriftenpetition sowie Informationen zu einer auf der Untersuchung beruhenden Poster-Wanderausstellung sind im Internet unter www.ivr-heidelberg.de zu finden.