Der Philosoph Peter Kampits hat die sprichwörtliche "österreichische Lösung" andernorts einmal mit der historischen Prägung durch den einstigen Vielvölkerstaat erklärt, denn diese habe dazu geführt, dass man sich hierzulande bei der Bewältigung von Problemen nicht gerne durch eindeutige Entscheidungen festlege: "Da hat man den Kompromiss schon, bevor der Konflikt ausgebrochen ist." Dieses nationale Spezifikum der Kultivierung von Ambiguität und Ambivalenz kommt auch im Schulsystem an vielen Stellen zum Ausdruck.

Paul Reinbacher arbeitet nach einem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie diversen beruflichen Positionen in der Privatwirtschaft an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz. 
- © privat

Paul Reinbacher arbeitet nach einem Studium der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften sowie diversen beruflichen Positionen in der Privatwirtschaft an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich in Linz.

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Heuer schaffte es jedoch nicht wie so oft die Zentralmatura in die Schlagzeilen. Eher lasen wir kurz vor den Sommerferien vom (seit einiger Zeit absehbaren) Lehrermangel, der sich nun im System manifestiert und einen entsprechend "heißen Herbst" erwarten lässt. Die hektische Betriebsamkeit, mit der an provisorischen Lösungen gearbeitet wird, verdeckt dabei den Blick auf strukturelle Probleme und Widersprüche, die als Teil unseres kulturellen Erbes gelten können.

Trotz der im internationalen Vergleich insgesamt hohen Bildungsausgaben beziehen Lehrer bei uns nämlich zwar ein ganz ansehnliches, aber keineswegs üppiges Gehalt, das noch dazu ziemlich gleichmäßig verteilt wird - denn es gibt im System keine besonders ausgeprägten Leistungsanreize: Außergewöhnliche Anstrengung lohnt sich kaum, ihr Ausbleiben wiederum hat selten negative Folgen. Für die eher durchschnittliche materielle und ideelle Abgeltung der Tätigkeit in diesem Feld akademischer Berufe (Entlohnung, Prestige) entschädigen überdurchschnittlich lange Ferien - wenngleich das nicht über die während des Schuljahres saisonal erhöhte Arbeitsbelastung (aufgrund des "All-in-Vertrags") engagierter Lehrer hinwegtäuschen sollte.

Hinzu kommen ausgeprägte Freiheiten betreffend die Zeit und den Ort der Leistungserbringung (abgesehen von Unterricht und anderen Schulveranstaltungen), was dadurch relativiert wird, dass Lehrer als unselbständig Beschäftigte große Teile der benötigten Arbeitsmittel (wie das private Arbeitszimmer) auf eigene Kosten bereitstellen müssen, womit die öffentliche Hand ihre Ressourcen schont - dieselbe öffentliche Hand übrigens, deren politische Vertreter stets die Bedeutung der Bildung beschwören und durch Überfrachtung der Schule mit einer Vielzahl an Erwartungen vom Versagen an anderer Stelle ablenken. Und wenngleich sie wohl insgeheim vermuten, dass eine Erfüllung unter den aktuellen Bedingungen gar nicht möglich ist, lassen sie sich ihre permanente bildungspolitische Ferienlaune kaum durch Fakten vermiesen.

Ein Ansatzpunkt wäre die Herstellung von mehr Ressourcengerechtigkeit durch Stärkung der operativen Basis im Verhältnis zum administrativen Überbau (Parkinson’s Law), indem finanzielle und andere Mittel gezielt an jene Stellen gebracht würden, wo sie gebraucht werden: nämlich an die Schulen. Im Gegenzug ließen sich Erwartungen anheben und dabei die Entlohnung für das Lehrpersonal deutlich differenzieren, um zu mehr Leistungsgerechtigkeit zu gelangen. Insgesamt würde so zu einer - angesichts des derzeit (wieder) herrschenden akuten Personalmangels wichtigen - Attraktivierung der pädagogischen Berufe beigetragen. Das wiederum wäre eine wichtige Voraussetzung für mehr Chancengerechtigkeit, indem sich jenen, die im pädagogischen Beruf nicht gut aufgehoben sind, ein Abschied und eine Neuorientierung erleichtern ließen.

Dass all dies (wie viele weitere, dringend erforderliche Reformschritte, die über kosmetische Korrekturen hinausgehen und echte strukturelle Veränderungen mit sich bringen würden) aus Sicht des gelernten Österreichers ziemlich unwahrscheinlich ist, versteht sich quasi von selbst und soll an dieser Stelle nur der Vollständigkeit halber erwähnt werden. Daher bleibt an dieser Stelle wohl nur, allseits schöne Sommerferien zu wünschen.