Der Krieg hat Europa zusammengeschweißt. Alle wollen helfen, jeder auf seine Weise. Alte Konflikte werden in den Hintergrund gedrängt, die Allianz Polens mit Ungarn ist Geschichte, Finnland und Schweden entsorgen die Neutralität und treten der Nato bei. Die Ukraine wird als europäischer Staat anerkannt und kommt auf Beitrittskurs.

Karl Aiginger ist Direktor der Europa-Plattform (www.querdenkereuropa.at) und lehrt an der WU Wien. Er ist Autor von Europa-Projekten, Mitglied des ForumFuture-Teams und der Schumpeter-Gesellschaft. - © Eric Kruegl
Karl Aiginger ist Direktor der Europa-Plattform (www.querdenkereuropa.at) und lehrt an der WU Wien. Er ist Autor von Europa-Projekten, Mitglied des ForumFuture-Teams und der Schumpeter-Gesellschaft. - © Eric Kruegl

Die USA hätten wieder die Führung der Freien Welt übernommen. Diesen Eindruck machen sie oder wollen sie machen. Aber das geht nicht. Sie sind tief gespalten. Das Parlament ist nicht auf der Seite des Präsidenten, noch immer glauben Republikaner, Donald Trump sei der Wahlsieg gestohlen worden. Die Zwischenwahlen im November könnten das "bestätigen". Der Oberste Gerichtshof trifft eine Entscheidung nach der anderen gegen Abtreibung, Einschränkung des Waffenbesitzes, zu Polizeirassismus und nun auch Klimaschutz. Präsident Joe Biden reist nach Saudi-Arabien, um mehr Öl zu mobilisieren, aus dem doch eigentlich alle aussteigen wollen. Die Preise steigen.

China und Indien überlegen, wie sie vom Krieg profitieren können, indirekt und ohne Parteinahme, und spekulieren auf billigere Rohstoffe. Leidtragend werden die Entwicklungsländer sein. Sie bekommen weniger Nahrungsmittel, viele Routen sind blockiert, auch die Lieferkettenunterbrechung trifft sie stärker. Die Flucht vor Hunger und Kriegsgefahr wird wieder zunehmen. Flüchtlinge werden in Europa noch weniger willkommen sein, weil schon so viele aus der Ukraine kommen.

Wir stehen vor vielen Problemen, und es entwickelt sich eine neue Weltordnung. Die Klimaerwärmung ist nun für alle sichtbar, auch de Verursachung durch den Menschen und seine Tätigkeiten und Zögerlichkeit. Die Pandemie zeigt, dass Globalisierung viele Seiten hat, auch negative. Die Digitalisierung kann Probleme lösen, aber sie erzeugt auch neue, und ihre Effekte sind je nach Vorkenntnissen unterschiedlich. Die extreme Armut geht zurück, aber die Ungleichheit zwischen den Ländern wird größer. Populismus tritt überall auf, wo alte Rechte verloren gehen. Und die Probleme hängen zusammen, Klimaerwärmung und Erkrankungen treffen Unterprivilegierte stärker. Sie können sich nicht schützen, neue Heizungen einbauen, oft nicht einmal selbst entscheiden.

Die neue Weltordnung wird multipolar sein und muss sich entwickeln. Wir haben gezeigt, dass die USA nicht führen sollen und eigentlich meist mehr Probleme bringen als lösen. Chinas System ist erfolgreich und ehrgeizig. Die Welt mitzugestalten, braucht aber mehr als Aufholen. Russland scheidet aus.

Da wäre es die Verpflichtung der Europäischen Union, eine stärkere Rolle zu spielen. Vieles ist unvollkommen, aber Europa ist durch Probieren und Nachdenken zusammengewachsen. Es hat zu wenig Forschung und zu viel altes Denken. Europa hat in Rankings über Gleichheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Friedensbemühungen eine gute Position (so auch in einer Studie der Europaplattform zur Entwicklung unseres Wirtschaftssystems). Es ist auch offener zu den Nachbarn und allen, die nachhaltig und doch neu denken wollen. Es ist ein Lernprozess, der sich lohnt. Eine Verpflichtung und Chance für uns alle.