In den vergangenen Jahren wurde in Österreich viel über den politischen Missbrauch von Religion gesprochen, während gleichzeitig auf einem zentralen Platz in der Wiener Innenstadt des Urvaters des antisemitischen politischen Katholizismus gedacht wird. Shoah-Überlebenden fordern die Entfernung des Denkmals auf dem Wiener Dr.-Karl-Lueger-Platz. Ob es 1926 der Sozialdemokrat Karl Seitz eingeweiht hat, ist dabei unerheblich; Adolf Hitlers Verbrechen und sein klarer Bezug auf Lueger haben dieses seit fast 100 Jahren stehende Denkmal zu einem unfassbaren Skandal gemacht. Und seine Nachahmer stellen heute eine Gefahr für den gesellschaftlichen Frieden dar.

Nicht die katholische Kirche und auch nicht die anderen christlichen Hauptkonfessionen unseres Landes trifft für diesen Skandal die Schuld, sondern die in Österreich so vielfältig anzutreffende Tendenz, Probleme aufzuschieben, keine oder nur halbherzige Lösungen zu treffen, die Dinge in die Länge zu ziehen, und vor allem auch die mangelnde Empathie, sich in die Rolle der Opfer der Shoah oder des heutigen Antisemitismus zu versetzen.

Befürworter des Status quo mögen einwerfen, Karl Lueger (1844 bis 1910) habe ja als Bürgermeister "so viele Wasserleitungen gebaut" und auch sonst so viel für Wien getan - ein Argument, das schon 1926 angesichts all des Antisemitismus, den er vertreten hatte, völlig inakzeptabel war und im Falle des Nationalsozialismus keines weiteren Kommentars bedarf. Es gibt im Falle Luegers auch einen diffizilen Versuch, ihn als "nicht überzeugten Antisemiten" darzustellen, so wie in Österreich allzu oft schlimme Antisemiten, Xenophobe und Rassisten von Populisten, die sich ab und zu einmal dieser drei Phänomene bedienen, unterschieden werden.

Diese Unterscheidung ist eines der großen Hindernisse, diese Phänomene in Vergangenheit und Gegenwart vollumfänglich zu diskutieren. Für die Opfer ist es irrelevant, wie bewusst und intrinsisch die Ausgrenzung gedacht wird. Da aber diese Fragen selten von Betroffenen diskutiert werden, sind deren Stimmen auch meist nicht hörbar.

Bezüge zur Gegenwart

Doch gerade die historische Figur Lueger hätte das Potenzial, unzählige Bezüge zur Gegenwart herzustellen. Sei es die Nachahmung eines Schlachtrufes Luegers durch den Freiheitlichen Langzeitparteiobmann Heinz-Christian Strache: Lueger meinte, dass "Groß-Wien nicht Groß-Jerusalem werden darf"; mehr als 100 Jahre später skandierte die FPÖ: "Wien darf nicht Istanbul werden." Diese sinnbildlich beinahe idente Rhetorik der Ausgrenzung veranschaulicht, was Vergessen und Verdecken für eine Gesellschaft bedeuten kann.

Unser Vorschlag wäre, das Denkmal samt Graffitis ins Wien-Museum zu einer reflektierenden Dauerausstellung über Antisemitismus in Österreich und insbesondere in Wien zu stellen. Als Autoren, die sich von unterschiedlichen Standpunkten und mit unterschiedlichen wissenschaftlichen Methoden mit Antisemitismus, Xenophobie, Rassismus und Islamophobie beschäftigt und beide sowohl in Israel als auch in der muslimischen Welt publiziert haben sowie für gute Zusammenarbeit und ein Klima der Freundschaft und des Respekts zwischen den abrahamitischen Religionen eintreten, schlagen wir als positive Lösungsvariante zunächst die Umbenennung des Platzes am Stubentor vor.

Beitrag der Religionen

Auf einem "Platz der Toleranz" sollten in einer Dauerausstellung neben einer Darstellung der Problematik des Antisemitismus in Österreich durch berufene Historiker auch die Religionsgemeinschaften unseres Landes in jeweils 1.000 Worten die Gelegenheit haben, ihr Gebot der Toleranz darzustellen und auch ihr "Mea Culpa" in Bezug auf Antisemitismus zu äußern. Die demografische und konfessionelle Zusammensetzung Österreichs hat sich gegenüber der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg entscheidend verändert. Will Österreich die Probleme des 21. Jahrhunderts lösen, so können gerade auch Kirchen und Religionsgesellschaften einen Beitrag leisten, indem sie wechselseitigen Respekt gegenüber den Schwachen, seien diese nun religiös markiert oder nicht, bei der Politik einmahnen.

Eine ökumenische Umgestaltung trüge auch der unleugbaren Tatsache Rechnung, dass gewalttätigen Bewegungen zum Trotz gerade auch in der Welt des Islams das Gebot der Toleranz gilt. Für die Welt des Katholizismus gilt es, das mit der Konzilserklärung "Nostra Aetate" erreichte Niveau der ökumenischen Toleranz zu erweitern und zu verteidigen. Wie Papst Franziskus in der italienischen Jesuiten-Zeitschrift "Civilita Cattolica" ja unlängst beklagte, gibt es leider in der katholischen Kirche auch noch viel zu viele, die das Zweite Vatikanische Konzil nicht wahrnehmen wollen.

Ein Platz der Toleranz mitten in der Wiener Innenstadt wäre ein mutiges und starkes Zeichen für das Zusammenleben und die Toleranz in Österreich. Und es wäre auch ein Mahnmal an die Politik, nicht in die Fußstapfen jenes Lehrmeisters des Populismus zu treten, dessen Nachahmer in der Vergangenheit Unheil über das Leben von Millionen Menschen gebracht haben und in der Gegenwart einen Keil in unsere Gesellschaft treiben wollen.