Erwin Ringel, ein Analytiker der österreichischen Seele, hat Österreich als ein "Land der Neurotiker" beschrieben. Seine Diagnosen waren unbequem, direkt und für manche verstörend. Die österreichische Seele sei geprägt von Verdrängung und menschlicher Fehlentwicklung.

Nach mehr als 30 Jahren kann es angesagt sein, den Zustand der österreichischen Seele einer Neubewertung zu unterziehen. Vielleicht ließe sich das gewagte Experiment in einem ersten Schritt anhand aktueller innenpolitischer Machenschaften durchführen. Die Zeiten sind ja härter geworden: Die Politik ist in Schwierigkeiten, weil plötzlich die Voraussetzungen in der Gesellschaft nicht mehr vorhanden sind, die bis dahin selbstverständlich waren: ein sicheres und konstantes Umfeld, klare und nachvollziehbare gesellschaftliche Ordnungen.

Allmacht

Josef Oberneder ist Vizerektor für Hochschulmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. - © privat
Josef Oberneder ist Vizerektor für Hochschulmanagement und Schulentwicklung an der Pädagogischen Hochschule Oberösterreich. - © privat

Zustände der Allmacht haben das politische Geschehen der vergangenen Jahre beeinflusst - ein "historischer" Trend, der sich eingeschlichen hat: "Anything goes" - alles ist möglich. Seien es Posten im Aufsichtsrat, Spendengelder für Parteien, politische Verstrickungen von Funktionären, missbräuchlicher Umgang mit politischer Macht, peinliche und unwürdige Chatnachrichten, Inseratenkorruption etc. Das alles ist nicht neu, könnte man sagen, aber in dieser Dichte der vergangenen Jahre doch einzigartig.

Unser Alltagsverständnis von Politik und unser Vertrauen in die Politik sind damit ordentlich ins Wanken geraten. Ein trauriges Schauspiel zwischen historischer Allmacht und gegenwärtiger Ohnmacht. Ein Spiel der österreichischen Seele? Ein Mechanismus der Verdrängung, der Fehlleistungen und Unerwünschtes unterdrückt?

So könnte man etwa von "geglückter" Verdrängung im Bildungsbereich sprechen, wenn man plötzlich den Lehrermangel heraufbeschwört oder etwa den Herbst abwartet, um auf Corona-Maßnahmen in den Schulen zu reagieren. Schon Sigmund Freud lehrte uns, dass Verdrängung nicht funktioniert und an (unpassenden) Stellen das Verdrängte sich wieder aufdrängt.

Ohnmacht

Kommunikativ könnte man die Ausprägungen als einen Zustand der Ohnmacht beschreiben. Interviews von Spitzenpolitikern mutieren ja mittlerweile zu vorgefertigten (rhetorischen) Konserven: manchmal hemdsärmelig und jovial, manchmal unnahbar und arrogant, aber häufig ablehnend und verteidigend: Man habe alles im Griff, sei vorbereitet auf viele Szenarien, die Schuld liege in der Volatilität der Gesellschaft. Die Argumente werden einstudiert und von den jungen aufstrebenden Parteimitgliedern öffentlich präsentiert.

Der Vertrauensindex in die Politik wird als "all time low" bezeichnet. Noch nie gab es schlechtere Werte in das Vertrauen österreichischer Bundespolitiker. Dass all dies tatsächlich die Frage nach einer Evaluierung des sozialen Verhaltens unserer Politiker provoziert, liegt auf der Hand.

Der Psychotherapeut Stephan Hametner spricht vom "Großen Ich-bin-Ich" - ein komplexes Phänomen der Ausprägung exzessiver Eitelkeit, Überheblichkeit und Selbstgefälligkeit, von Überlegenheitsgefühl und Einzigartigkeit von Rücksichtslosigkeit und zynischer Sicht auf Menschen. Toxische Eigenschaften, die Personen und deren Umfeld prägen. Eigenschaften, die scheinbar auf der politischen Bühne einen exzellenten Nährboden finden.

"So sind wir nicht - so ist Österreich nicht", verkündete der Bundespräsident im Jahr 2019 in seiner Rede an die Nation nach dem skandalösen Ibiza-Video. Er bat die Bevölkerung, sich nicht angewidert von der Politik abzuwenden. "Sind wir vielleicht doch so?", fragte die Schriftstellerin Eva Menasse anlässlich ihrer Festrede zur Verleihung des Bruno-Kreisky-Preises. Zwischenzeitlich seien ja wieder einige Dinge geschehen. Ein vermeintliches politisches Wunderkind hätte seinen ganzen Erfolg bloß auf Betrug und Manipulation aufgebaut. Und Menasse fügte hinzu: Sie würde gerne den Herrn Bundespräsidenten fragen, ob er seinen Satz vor drei Jahren heute wiederholen würde.

Macht nix

Ja, diese Frage müssen wir uns zwischenzeitlich stellen. Sind es vielleicht tatsächlich die tiefgreifenden Muster der "Großartigkeit" unserer Politiker, die den Mangel an Empathie für drängende Probleme unserer Gesellschaft so schmerzhaft vermissen lassen? Selbst die anhaltenden und bedrohlichen Krisen der Gegenwart lassen den Obmann der Tiroler Seilbahnwirtschaft in politischer Selbstsicherheit verkünden, dass er nicht dabei zusehen würde, wenn das Wasser bei ihm vorbeirinne und der Strom für die Stadt (gemeint war Wien) produziert würde. Er würde sich zu wehren wissen. Schließlich müssten die Seilbahnen fahren, weil sie ja nachhaltig seien.

Während es also rund um uns stürmt und braust, sonnen sich Politiker im Spiegel der Eitelkeit. Demnach gibt es genügend Gründe, Gedanken über Fehlentwicklungen im eingangs zitierten Ringel’schen Sinne anzustellen. Fest steht: Das Verlangen nach übermäßiger Bewunderung, der Mangel an Empathie, arrogante und überhebliche Haltungen und Verhaltensweisen, die Fantasie von grenzloser Macht, Erfolg und Schönheit, eine ausbeuterische zwischenmenschliche Beziehung und vieles andere mehr sind diagnostische Kriterien zur klinischen Beurteilung von Persönlichkeitsstörungen.

"Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch", stellte einst Friedrich Hölderlin fest. Das sollte ein sommerlicher Hoffnungsschimmer sein. Und so würde die österreichische Seele vielleicht doch ihren Frieden finden.