Niedrigere Leitzinsen im Euroraum als jene der Fed sorgen für zusätzlichen Druck auf den Euro. Derzeit ist das Fed-Bankensystem bei den Zinsanhebungen der EZB stets einen großen Schritt voraus. Nicht nur der Euroraum leidet unter den aktuellen Hegemoniebestrebungen. Dazu die brandgefährliche (welt)wirtschaftliche Situation, hervorgerufen durch repressive, wirtschaftsschädigende Corona-Strategien samt Lieferkettenproblemen, inmitten eines weiter zunehmenden inflationären Umfeldes und einer sehr umstrittene Sanktionspolitik unter Federführung der USA und EU wegen des Ukraine-Krieges, die für Europa einem Schuss ins Knie gleichkommt. Obendrein wirkt sich neben eklatant verteuerten Energieträgern wie Gas und Strom auch ein viel zu hoher Ölpreis (er gehört auf höchstens 70 US-Dollar je Barrel gedrückt) negativ aus.

Andreas Kubin ist seit drei Jahrzehnten spezialisiert auf internationale Finanzmärkte, Wirtschaftspolitik sowie Fundamentalanalysen über börsennotierte Unternehmen und Privatinvestor. Er war 25 Jahre Beamter im Staatsdienst und etwa 15 Jahre in der Privatwirtschaft tätig. - © privat
Andreas Kubin ist seit drei Jahrzehnten spezialisiert auf internationale Finanzmärkte, Wirtschaftspolitik sowie Fundamentalanalysen über börsennotierte Unternehmen und Privatinvestor. Er war 25 Jahre Beamter im Staatsdienst und etwa 15 Jahre in der Privatwirtschaft tätig. - © privat

Die US-Notenbank Fed reagierte Mitte Juni auf die höchste Inflation seit mehr als 40 Jahren (8,6 Prozent im Mai) mit der stärksten Leitzinsanhebung seit fast 28 Jahren um 0,75 Prozentpunkte auf 1,50 bis 1,75 Prozent und signalisierte, dass noch weitere Zinsanhebungen folgen werden. Gleichzeitig ließen mehrere Fed-Bankenleiter eine Leitzinsanhebung noch heuer bis auf 3,4 Prozent anklingen und erwarten für nächstes Jahr ein Leitzinsniveau von 3,8 Prozent. Nur, wie will man mit diesen vergleichsweise kleinen Zinsschritten die offizielle Teuerungsrate auf das angepeilte 2-Prozent-Ziel zurückführen? Das kann so kaum funktionieren.

Nach wie vor befindet sich parallel dazu viel zu viel Liquidität in den Finanzmärkten. Solange man ihnen zusätzlich zu den Leitzinserhöhungen nicht kräftig Kapital entzieht, wird es zu keiner Eindämmung der Teuerungsrate beziehungsweise des Kaufkraftverlustes kommen. Rückblickend sehen wir, beginnend mit der Finanzkrise 2007/2008, gewaltige Bilanzsummenanstiege der Fed von damals 870 Milliarden Dollar auf vorerst 8,56 Billionen (im Oktober 2021) auf jetzt 8,93 Billionen US-Dollar (im Juni 2022) - also eine Verzehnfachung. Wo aber bleiben die großmundig angekündigten Liquiditätsrückführungen?

Der Zinsschritt der Fed von 0,75 Prozentpunkten scheint eher ein Ausreißer gewesen zu sein als der Beginn eines neuen Trends, so lauten neueste Einschätzungen in der US-Börsenzeitschrift "Barron’s". Dazu ist auch in den USA die Angst viel zu präsent, Zinserhöhungen könnten die Wirtschaft abwürgen. Das wäre die nächste größere Katastrophe. Und was macht das Euro-System? Dessen "Konsolidierter Ausweis" wirft per 24. Juni Aktiva und Passiva von 8,84 Billionen Euro aus - ein neues Allzeit-Rekordhoch. Dem Markt wird also nach wie vor nicht Liquidität entzogen, und das "inflare" der Bilanzsummen geht munter weiter.

Zwei neue Lieblingswörter von EZB-Präsidentin Christine Lagarde sind in jüngster Zeit häufiger zu lesen: "flexibel" und "Flexibilität". So hat sie im April auf die Nützlichkeit eines "flexiblen" Vorgehens der Geldpolitik bei der Verhinderung einer Fragmentierung der Eurozone hingewiesen. In ihrer Pressekonferenz nach der EZB-Ratssitzung sagte sie: "Vor zwei Jahren haben wir prompt gehandelt - das können wir wieder tun." Lagarde bezog sich dabei auf das Pandemiekaufprogramm PEPP, bei dem die Europäische Zentralbank Staatsanleihekäufe abweichend vom EZB-Kapitalschlüssel zuließ. Lagarde betonte die Bereitschaft der EZB, dabei über die Reinvestition von Tilgungsbeträgen fälliger Anleihen hinauszugehen und "neue Instrumente" einzusetzen.

Die Flexibilität ist am Ende, die Akteure sind Getriebene

Eine der primären Aufgaben jeder Noten- beziehungsweise Zentralbank ist ohnehin das Beweisen von Flexibilität: erstens durch flexibles Reagieren auf ausufernde Inflationsraten (präziser: Teuerungsraten), und zweitens als Reaktion auf Schuldendeflation und Ähnliches. Warum wird der Begriff aktuell derart häufig und explizit strapaziert? Vielleicht, weil es in Wirklichkeit mit der Flexibilität weitestgehend zu Ende ist und die Akteure nun zu Getriebenen wurden.

Die angedachte Flexibilität werden wir eher in Form einer weiteren Ausweitung der EZB-Bilanzsumme - inklusive neuen "Notkaufprogrammen" - sehen als bei einer signifikanten Leitzinsanhebung in Regionen von gut 4 bis 6 Prozent, die notwendig wären, um den Teuerungsraten in der Eurozone endlich halbwegs Herr zu werden. Ganz einfach, weil die Staatsverschuldungen mehrerer Euroländer höhere Zinsen nicht verkraften. Die EZB will Gelder aus dem ausgelaufenen Corona-Notkaufprogramm besonders "flexibel" einsetzen. Zugleich wurden die zuständigen Ausschüsse des Euro-Systems gemeinsam mit der EZB beauftragt, an einem neuen Kriseninstrument zu "basteln".

Gleichzeitig muss die Europäische Zentralbank dafür sorgen, dass die hochverschulden Staaten in der Eurozone, etwa Italien, das den Notenbankern gerade jetzt wieder die Sorgenfalten auf die Stirn treibt, Griechenland und Portugal, sich weiterhin mit Krediten finanzieren können und nicht von hohen Schuldendienstkosten erdrückt werden. Das milliardenschwere Programm zum Kauf von Staatsanleihen, das eben diese Zinsen stabilisiert, läuft jedoch Ende Juni 2022 aus.

Seit gut einem Jahrzehnt versucht man uns in betonter Lässigkeit weiszumachen, man habe alles im Griff und könnte die Geldmengenausweitung jederzeit wieder zurückfahren. Mehrere Versuche scheiterten bereits, aber man zeigt sich erfinderisch und bastelt bereits an neuen Kriseninstrumenten. Mit hoher Sicherheit wird sich herausstellen, dass zahlreiche Akteure der Zentralbanken erst aus der unedelsten Form des Lernens - aus Schaden klug zu werden - zu ihren Erkenntnissen gelangen werden.

Zahlreiche Grundsätze der Österreichischen Schule der Nationalökonomie werden sich nicht auf Dauer negieren lassen: Vielleicht ist aber auch der Plan, die Systeme erst zu einem bestimmten Zeitpunkt kippen zu lassen.

Der "natürliche Zins" und der Boom-Bust-Zyklus

Der Hayek Club Zürich veröffentlichte in einem Seminar mit dem Titel "Einführung in die Österreichische Schule der Nationalökonomie" folgende Grundsätze und Beispiele: "Ohne das Eingreifen von Zentralbanken koordiniert der Zinssatz die Zeitpräferenzen von sowohl Kreditnehmern (Investoren, Unternehmer), als auch Kreditgebern (Sparer). Nehmen wir nun an, dass anstatt der Bestimmung des Zinssatzes durch den Markt, also einen ‚natürlichen Zins‘, der Zinssatz von einer zentralen monetären Behörde oder Zentralbank festgesetzt/ manipuliert wird:

Aufgrund der künstlich gedrückten Zinsen planen Unternehmer Projekte oder beginnen diese und stellen Leute ein.

Niedrigere Zinsen bedeuten eine niedrigere Gewinnschwelle für Investitionen. Vor allem langfristige, riskantere Projekte erscheinen realisierbar unter einem von der Zentralbank manipulierten, niedrigen Zinssatz.

Die künstlich niedrigen Zinsen suggerieren, dass die vorhandenen, realen Ersparnisse welche für Investitionen verfügbar sind, größer sind als in Wirklichkeit. - Boom.

Die künstlich niedrig gehaltenen Zinsen führen zu einer Expansion der Geld- und Kreditmenge, und schließlich setzen Inflationsängste ein. Die Zentralbank ist gezwungen, ihre Leitzinsen anzuheben, um eine rasche Abwertung des Geldes zu verhindern.

Zu diesem Zeitpunkt sind viele der Investitionen, die während der Phase der künstlich niedrig gehaltenen Zinsen getätigt wurden, nicht mehr realisierbar. Es stellt sich heraus, dass die buchmäßigen Profite, die sie vorher produziert haben, eine Illusion waren. Oft können die Investitionen nicht abgeschlossen werden, weil die realen Mittel, die dafür nötig wären, nicht vorhanden sind. Wirtschaftstreibende sind gezwungen die Fehlinvestitionen, die unter der künstlich niedrigen Zinsrate eingegangen wurden, aufzugeben. - Bust."

Ungezügelte Auswüchse des Keynesianismus

Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek entliehen sich bereits im Anfangsstadium ihres Konzepts beziehungsweise theoretischen Konstruktes Argumente von Cicero, wie: "Niemals habe eine zentrale Planstelle vergleichbares Wissen verfügbar, wie es über ein Preissystem zum Ausdruck komme!" Verantwortungsvolle Ökonomen beziehen sich auf die Österreichische Schule der Nationalökonomie. Aktuell werden uns jedoch die ungezügelten Auswüchse des Keynesianismus (nach dem britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes) vor Augen geführt.

Derzeit plant die EZB die erste Zinsanhebung seit 2011 für Mitte Juli. Zunächst sollen die Zinsen um 0,25 Prozentpunkte steigen; eine weitere, dann stärkere Erhöhung soll im September folgen, sofern der Inflationsdruck nicht sinkt. Seit 2016 liegt der EZB-Leitzins beziehungsweise Hauptrefinanzierungssatz bei 0,0 Prozent. Schon jetzt orten aufmerksame Beobachter der internationalen Finanzszene, dass zum Beispiel Japan einen Crash auf den Finanzmärkten auslösen könnte. Die internationalen Finanzmärkte sind fragiler denn je. Ein x-beliebiges "Black Swan"-Ereignis könnte jederzeit eine Katastrophe auslösen. Auch dem gegenzusteuern werden die Zentralbanken dann nicht mehr in der Lage sein. Zu vieles wurde auf die lange Bank geschoben.

Mit einem Kurs von 1,01 US-Dollar kratzte der Euro am 8. Juli an einem Zwanzigjahrestief. Reaktionen? Keine. Das EZB Direktorium stellte sich tot. Auch 0,99 Schweizer Franken bedeuteten ein Rekordtief. Manch kluger Investor hat sich bereits vor Jahren Franken-Valuten oder US-Dollar-Aktien zugelegt. Auf der anderen Seite existiert ein nicht unerheblicher Anteil an mittlerweile in Österreich verbotenen (endfälligen) Franken-Krediten. Die betroffenen Kreditnehmer könnten noch ganz schön in die Bredouille geraten.

Auch die Lebensmittelpreise werden weiter steigen. Laut dem ifo-Institut plant fast jeder befragte Händler höhere Preise. Auch in den übrigen Sparten des Einzelhandels will eine Mehrheit der Befragten ihre Preise anheben. Die Preiserwartungen sind von zuvor 75,5 auf 78,6 Punkte gestiegen. Eine weitere Bestätigung, dass die Teuerungsraten hoch bleiben werden, und zwar im hohen einstelligen Bereich. Die Gefahr steigt, dass wir schnell im niedrigen zweistelligen Preisanstieg landen könnten. Was die Handlungsfähigkeiten der Zentralbanken betrifft, so sehen wir ein Schachbrett vor uns, auf dem nur noch sehr wenige Züge möglich sind. Die Handlungsmöglichkeiten und -fähigkeiten sind eingeschränkter denn je.