Nach den Corona-Lockdowns nun der Krieg in der Ukraine und die Energiekrise: Die weltwirtschaftliche Lage wird immer angespannter, und die Börsen geben weiter nach. Fallende Kurse und sinkende Konjunkturprognosen verunsichern die Anleger derzeit. Die Angst vor der Rezession geht um. Während die Inflation weiter steigt, sehen sich die Notenbanken zu weiteren Zinsanhebungen gezwungen. Zwar gab es in den vergangenen zwei Jahren ein starkes Wirtschaftswachstum, das insbesondere durch die Geldpolitik der Zentralbanken ermöglicht wurde, aber der Konflikt in der Ukraine und die dadurch bedingten Lieferengpässe von Nahrungsmitteln und Energie haben dem vorerst ein Ende gesetzt. In einer so schwierigen Lage gibt es aus Anlegerperspektive selten Gewinner.

So nahe sind wir an einer Rezession

Shanna Strauss-Frank ist Österreich-Sprecherin der Investmentgesellschaft Freedom Finance. - © Freedom Finance
Shanna Strauss-Frank ist Österreich-Sprecherin der Investmentgesellschaft Freedom Finance. - © Freedom Finance

Die immer niedrigeren Prognosen und die ständig steigenden Preise schüren die Befürchtung, dass die wirtschaftliche Erholung nicht nur abflachen, sondern sogar enden und die Wirtschaft erneut in eine Rezession geraten könnte. Technisch gesehen handelt es sich dabei um zwei aufeinanderfolgende Quartale mit negativem Wirtschaftswachstum. Glücklicherweise ist diese Situation in Österreich derzeit noch nicht absehbar: Im ersten Quartal 2022 wuchs das Bruttoinlandsprodukt (BIP) saisonbereinigt um 1,5 Prozent gegenüber dem Vorquartal. Prognosen gehen derzeit zumindest in Österreich nicht von einer baldigen Rezession aus, wenngleich eine Stagnation im zweiten Halbjahr nicht auszuschließen ist.

Zwei lohnende Investitionen: Lebensmittel und erneuerbare Energie. - © afp / François Walschaerts
Zwei lohnende Investitionen: Lebensmittel und erneuerbare Energie. - © afp / François Walschaerts

Allerdings könnte ein Stopp der Gaslieferungen aus Russland diese Prognosen schnell widerlegen und doch für eine Rezession sorgen. Die entwickelten Volkswirtschaften, von denen die globalen Prozesse in hohem Maße abhängen, sind aufgrund der hohen Inflation bereits in Schwierigkeiten geraten. In den USA beispielsweise lag der Erzeugerpreisindex im Mai bei 10,8 Prozent und damit auf dem höchsten Stand seit 35 Jahren, während in Österreich die Erzeugerpreise im produzierenden Bereich im Vergleich zum Mai des vorigen Jahres um 20,9 Prozent gestiegen sind, wodurch sich die Preisdynamik hierzulande zumindest erstmals seit Mai 2021 nicht weiter beschleunigt hat. Europa könnte aufgrund der steigenden Energiepreise und des Nachfragerückgangs bis Mitte des Herbstes in eine wirtschaftliche Rezession geraten.

Regierungen und Anleger erwarten nun die Reaktionen der Zentralbanken. So hat die EZB bereits den Leitzins angehoben, wenn auch weniger stark als die Fed in den USA, um die Inflation zu bekämpfen. Aber auch die Europäische Zentralbank tat sich lange Zeit schwer mit diesem Schritt, weil er zwangsläufig das Wirtschaftswachstum bremst. Dennoch war der Schritt notwendig. Mehr als 60 Zentralbanken auf der ganzen Welt handeln inzwischen in ähnlicher Weise.

Neben den Zentralbanken sind auch die politischen Unwägbarkeiten mit einzukalkulieren. Auch die Geopolitik wird eine große Rolle spielen, denn die aktuell hohe Inflation ist vor allem auf die hohen Preise für Energie, Rohstoffe und Nahrungsmittel zurückzuführen. Und gerade die Preissteigerungen in diesem Jahr sind stark vom Krieg zwischen Russland und der Ukraine abhängig. Wird der Krieg schnell beendet, könnten sich auch die Rohstoffmärkte schnell wieder entspannen. Zieht er sich jedoch hin, werden auch die Inflation angetrieben und damit das Wirtschaftswachstum leiden.

Zombie-Aktien identifizieren und abstoßen

Was sollten Anleger also beachten? Zuerst die Spreu vom Weizen trennen und schwache Unternehmen aus dem Portfolio verbannen. Allgemein spricht man hier von Zombie-Unternehmen, die ihren gesamten Cashflow verwenden müssen, um ihre Schuldenlast zu bedienen, und daher keine liquiden Mittel für Wachstum oder neue Investitionen vorhalten können. Im schlimmsten Fall können die sogenannten Zombies noch nicht einmal mehr die eigene Zinslast aus eigenen Mitteln bestreiten und benötigen externe Finanzspritzen wie eine Kapitalerhöhung. In einem ersten Schritt sollten Investoren diese Zombies aus ihrem Portfolio schnellstmöglich entfernen, da die Wahrscheinlichkeit eines Konkurses recht hoch ist.

Eigentlich gibt es in Rezessionen keine Gewinner, aber manche Sektoren trifft es weniger hart als andere. Unabhängig von der wirtschaftlichen Lage werden Menschen zum Beispiel immer Lebensmittel kaufen müssen. Es mag zwar sein, dass auch ein Lebensmittelkonzern aufgrund des allgemein vorherrschenden Pessimismus und der negativen Grundhaltung des Marktes einen kleinen Abschwung in Kauf nehmen muss, aber das Risiko einer Pleite sollte bei gut integrierten Konzernen sehr gering sein. Hier dürften Anleger zuversichtlicher bleiben. Die Aktie von Fresh Del Monte zum Beispiel, einem Händler von Obst und Gemüse, der mehr als 43 Prozent seiner Waren auf direkt vom Unternehmen kontrollierten Feldern anbauen lässt, ist derzeit noch unterbewertet. Analysten gehen hier von einem Kursaufschwung von bis zu 40 Prozent aus.

Ein weiterer Sektor, der eine Rezession traditionell besser übersteht als andere, ist die Energieversorgungsindustrie. Strom ist ein unelastisches Gut, auf das Menschen angewiesen bleiben. Doch durch die gegenwärtigen Konflikte, die zu Lieferengpässe bei fossilen Energieträgern führen, steigen die Preise für die Stromerzeugung und -versorgung. Ein hoher Energie- oder Ölpreis führt dazu, dass Unternehmen nach alternativen Stromquellen suchen, Investitionen in erneuerbare Energien verhältnismäßig günstiger erscheinen und eine lokalere und damit eine Versorgung unabhängig der politischen Lage versprechen.

Risikoallokation ist das A und O in einer Rezession

Das Allerwichtigste im derzeitigen Marktumfeld ist allerdings ein vernünftiges Risikomanagement. Man sollte keinesfalls das gesamte Kapital in wenige Aktien stecken. Es ist besser, im Voraus festzulegen, welchen Anteil des Gesamtkapitals man für eine Anlage allokieren möchte und mindestens drei bis vier Einstiegspunkte zu bestimmen, um einen geeigneten Punkt zum Kauf zu finden. Während einer Rezession lässt sich teilweise sehr günstig ein branchenübergreifendes Portfolios aufbauen, denn gerade straft die Börse Technologiekonzerne hart ab, wobei viele der Amazons, Googles, oder Alibabas aufgrund ihrer marktbeherrschenden Stellung langfristig weiterhin attraktive Investments bleiben. Wer derzeit auf genügend Kapital sitzt und dieses nicht kurzfristig benötigt, kann in den kommenden Monaten in unterbewertete Marktteilnehmer investieren und dabei eine ausgewogene Portfoliostruktur beibehalten.