Eine von Russlands Rechtfertigungen für den Krieg ist der Schutz der russischsprachigen Bevölkerung - zweifellos ein Vorwand. Und Russlands Propagandisten haben sich verkalkuliert. In der Ukraine spielt es schon lange keine Rolle mehr, in welchem Teil des Landes man geboren ist. Wir sind alle Ukrainer und Ukrainerinnen - ob von der Krim, aus Luhansk, Donezk, Kyjiw oder von anderswo. Die Geschichte einer eigenständigen russischsprachigen Bevölkerung ist ein Mythos, der noch aus der Zeit der Sowjetunion stammt.

Kateryna Iakovlenko forscht zum Thema Visual Culture. Sie ist Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Der Originaltext ist auf Englisch in der "IWMpost" (Ausgabe 129) erschienen. - © privat
Kateryna Iakovlenko forscht zum Thema Visual Culture. Sie ist Visiting Fellow am Institut für die Wissenschaften vom Menschen. Der Originaltext ist auf Englisch in der "IWMpost" (Ausgabe 129) erschienen. - © privat

Ich wurde in einer Kleinstadt in der Region Luhansk geboren und verbrachte meine gesamte Kindheit im Haus meiner Großeltern. Mein Großvater hat nie Ukrainisch gesprochen. Sein Russisch war sehr eigenwillig und enthielt oft ukrainische Wörter. Mein Großvater wurde 1927 geboren, als eines der jüngsten von sieben Kindern ukrainischsprachiger Eltern.

- © reuters / Sarah Silbiger
© reuters / Sarah Silbiger

Meinen Urgroßvater "entlarvte" man als "Volksfeind", er wurde in Donezk erschossen. Er hatte die Revolution und Josef Stalins Hauptwidersacher Leo Trotzki unterstützt. Meine Urgroßmutter und ihre Kinder wurden nach Kasachstan geschickt, wo sie blieben, bis sie 1954 offiziell rehabilitiert wurden. Als sie in die Region Luhansk zurückkehrten, war mein Großvater 27 Jahre alt und sprach fast kein Ukrainisch. Seine Mutter jedoch hat ihre Muttersprache nie vergessen.

Auch heute noch, nachdem ich im Kiewer Vorort Irpin Artilleriebeschuss überstanden habe und über die Trümmer einer zerstörten Brücke geflohen bin, nur mit meinen Papieren und einer Katze im Arm, überwältigt mich der Gedanke an das Schicksal meiner Urgroßmutter. Wie ist es, Gefangene in einem Land zu sein, das man sich nicht ausgesucht hat? Wie ist es, in ein Haus zurückzukehren, das einem nicht mehr gehört? Und ist es überhaupt möglich, seinen Feind zumindest halbherzig zu lieben?

Meine Urgroßmutter konnte das nicht. Für mich stellt sich heute die große Frage, ob ich ihren Weg einschlagen werde. Werde ich in der Lage sein, denen direkt in die Augen zu schauen, die Tag für Tag mein Haus beschießen?

Durch meine Forschung habe ich begonnen, mehr über meine eigene Identität nachzudenken. Meine Eltern sprechen Russisch, aber ich bin seit meiner Kindheit zweisprachig. Meinen ukrainischen Pass habe ich mit 16 Jahren bekommen. Das war kein Zufall. Das war meine Entscheidung.

Der Begriff "russischsprachige Ukrainer" ist irreführend und manipulativ, denn wir sind alle in erster Linie Ukrainerinnen und Ukrainer. Und heute sind wir alle gezwungen, vor einem Angriffskrieg zu fliehen. Es spielt keine Rolle, wohin uns die Züge bringen. Unsere Herzen werden in den belagerten Ortschaften bleiben. Wir alle leiden unter dem Krieg. Wir alle leisten Widerstand, weil unsere Identität viel komplexer ist als nur eine Sprache. Sie ist eine politische Entscheidung unserer Herzen. Unsere Identität ist Freiheit.