Seit Anfang 2021 steigen die Inflationsraten in der Eurozone wie auch in den USA kräftig. Zu Beginn des heurigen Jahres hat sich der Preisauftrieb nochmals verstärkt. Im Euroraum insgesamt und in Österreich erreichte die Inflation im Juni fast 9 Prozent. Dies ist höchste Wert, der seit September 1975 in Österreich gemessen wurde.

Klaus Weyerstraß ist Ökonom am IHS und dort Sprecher für internationale Konjunktur und Außenwirtschaft. - © Norbert Wohlgemuth
Klaus Weyerstraß ist Ökonom am IHS und dort Sprecher für internationale Konjunktur und Außenwirtschaft. - © Norbert Wohlgemuth

Was die aktuelle Situation einzigartig macht, ist eine Kombination aus Angebots- und Nachfrageschocks. Die Nachfrage steigt aufgrund von Aufholeffekten nach den erzwungenen Konsumeinschränkungen während der Corona-Pandemie. Verstärkt wird dieser Nachfrageüberhang durch die expansive Fiskalpolitik, mit der die privaten Haushalte und Unternehmen während der Lockdowns unterstützt wurden. Zudem wurde die bereits zuvor sehr expansive Geldpolitik zu Beginn der Corona-Krise weiter gelockert. Die hohe Nachfrage trifft außerdem auf ein eingeschränktes Angebot, weil die Lieferketten infolge der Corona-Pandemie und wiederkehrender Lockdowns in China wegen der dortigen Null-Covid-Strategie gestört sind. Außerdem hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine die Preise von Erdöl und Erdgas steigen lassen. Wegen der Blockade der ukrainischen Seehäfen durch Russland stockt auch die Ausfuhr von Weizen und anderen Feldfrüchten, sodass auch die Nahrungsmittelpreise massiv steigen.

Was kann nun die Geldpolitik tun? Zinserhöhungen können als ein Signal wirken, dass die Zentralbank Zweitrundeneffekte in Form höherer Löhne und dann erneut höherer Preise beziehungsweise Preiserwartungen entgegenwirken will. Darüber hinaus ist im Euroraum der Preis der Importgüter in Euro relevant. Nicht zuletzt, weil die US-Notenbank Fed die Leitzinsen bereits früher und stärker als die Europäische Zentralbank (EZB) angehoben hat, hat der Euro gegenüber dem US-Dollar spürbar an Wert verloren und für kurze Zeit sogar Parität erreich, was die Importe in Euro gerechnet verteuert.

Dies spräche für größere Zinserhöhungen im Euroraum, als sie sich aktuell abzeichnen. Die EZB steht aber vor einer zusätzlichen Herausforderung, mit der die US-Notenbank nicht konfrontiert ist. Denn mit einem Zinsanstieg nehmen die Zinskosten für die Staatsschulden zu. Aufgrund des unterschiedlich hohen Schuldenniveaus sind die Staaten davon in unterschiedlichem Ausmaß betroffen. Daraufhin könnten an den Finanzmärkten Zweifel an der Tragfähigkeit der öffentlichen Finanzen geweckt werden, woraufhin die Zinsaufschläge für diese Staaten zunehmen würden: Italien etwa müsste deutlich höhere Zinssätze für seine Staatsschulden zahlen als Deutschland oder Österreich.

Der EZB-Rat hat darauf mit dem Plan reagiert, einen Teil der Erlöse aus fällig werdenden Staatsanleihen im Besitz der EZB zu nutzen, um Anleihen der hoch verschuldeten Länder zu erwerben. Mit der zusätzlichen Nachfrage nach diesen Papieren soll der Zinsanstieg begrenzt werden. Ein solches Instrument kann die Auswirkungen einer geldpolitischen Straffung auf die Risikoaufschläge begrenzen. Wichtig ist jedoch, dass die unterschiedlichen Zinsaufschläge nicht vollständig beseitigt werden, um die disziplinierende Wirkung auf die Fiskalpolitik zu erhalten.