In Europa gibt es rund 5.000 Hochschulen. Sie alle sind Horte des Wissens und der Innovation, seien es Forschungsuniversitäten, Einrichtungen der höheren Berufsbildung, Fachhochschulen, Technologieinstitute oder Kunsthochschulen. Ihnen verdankt unser Kontinent den weltweiten Ruf als Wissens- und Innovationszentrum, das Talente dauerhaft anzieht. An unseren Hochschulen werden wesentliche Kompetenzen vermittelt; sie sind Triebfedern für nachhaltiges Wachstum, Unternehmertum und hochwertige Arbeitsplätze in ganz Europa. Das allein ist schon Gold wert. Doch das Potenzial ist lange nicht ausgeschöpft.

Mariya Gabriel ist EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend. - © afp / Olivier Hoslet
Mariya Gabriel ist EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend. - © afp / Olivier Hoslet

Wir haben große Pläne für den Hochschulsektor: Pläne für universitätsübergreifende Europäische Campus, an denen Studierende, Bedienstete und Forschende aus allen Ecken Europas nahtlos zwischen Hochschulen wechseln und gemeinsam über Länder und Disziplinen hinweg neue Erkenntnisse gewinnen können. Es geht um eine langfristige strukturelle, nachhaltige und systemische Zusammenarbeit in den Bereichen Bildung, Forschung und Innovation in ganz Europa.

Emil Boc ist Bürgermeister von Cluj-Napoca (Rumänien) sowie Berichterstatter des Ausschusses der Regionen für die Stellungnahme zur Europäischen Hochschulstrategie. - © afp / Daniel Mihailescu
Emil Boc ist Bürgermeister von Cluj-Napoca (Rumänien) sowie Berichterstatter des Ausschusses der Regionen für die Stellungnahme zur Europäischen Hochschulstrategie. - © afp / Daniel Mihailescu

Das mag ehrgeizig klingen, doch schon jetzt gibt es 41 sogenannte Europäische Hochschulen. Das sind ambitionierte länderübergreifende Allianzen von Universitäten, die ausloten, welche Art struktureller, strategischer und nachhaltiger Zusammenarbeit tatsächlich möglich ist und Studierenden, Bediensteten und dem gesamten Umfeld den größten Nutzen bringt.

Das EU-Bildungsförderprogramm Erasmus+ spielt im Hochschulbereich eine wichtige Rolle. - © Münze Österreich AG / Lea Fabienne
Das EU-Bildungsförderprogramm Erasmus+ spielt im Hochschulbereich eine wichtige Rolle. - © Münze Österreich AG / Lea Fabienne

Um sie zu unterstützen und die Initiative "Europäische Hochschulen" weiter voranzubringen, hat die EU-Kommission im November 2021 eine Projektausschreibung im EU-Bildungsförderprogramm Erasmus+ mit einem Rekordbudget von 272 Millionen Euro veröffentlicht. Die Ausschreibung hatte zwei Ziele: Zum einen sollten bestehende Allianzen unterstützt werden, damit sie ihre Zusammenarbeit fortsetzen oder ausweiten können. Zum anderen sollten neue Allianzen entstehen. Der enorme Zuspruch zu dieser Ausschreibung zeigt deutlich, wie motiviert und engagiert der Hochschulsektor ist.

Europäische Hochschulen und Erasmus+

Heute können wir bekanntgeben, dass 16 bestehende Allianzen Europäischer Hochschulen weiter mit Erasmus+-Geldern unterstützt werden. Sie haben ihre Zusammenarbeit ausgeweitet und rund 30 neue Hochschulen aus ganz Europa, vor allem abseits der Hauptstädte, eingebunden, was sie noch fester in den vielfältigen Regionen verankert. Vier neue Allianzen Europäischer Hochschulen stehen gemeinsam in den Startlöchern.

Zusammen mit den bereits 2020 ausgewählten 24 Allianzen gibt es nun insgesamt 44 Europäische Hochschulen in ganz Europa. An ihnen beteiligen sich insgesamt 340 Einrichtungen aus allen EU-Ländern und mehreren an Erasmus+ teilnehmenden Drittländern: Island, Norwegen, Serbien und Türkei. Erstmals können auch Hochschulen aus Ländern eingebunden werden, die zwar nicht an Erasmus+, aber am Bologna-Prozess teilnehmen, etwa aus der Ukraine, dem Vereinigten Königreich und der Schweiz - wobei diese Zusammenarbeit nicht mit Mitteln aus Erasmus+ für die Europäischen Hochschulen finanziert werden kann.

Wissen in den Regionen und Städten verankern

Europäische Hochschulen sollen auch Partnerschaften außerhalb der akademischen Welt eingehen, und bisher sind Kooperationen mit rund 1.300 NGOs, Unternehmen, Städten, Gemeinden und Regionen entstanden. Allianzen Europäischer Hochschulen sind dazu da, Wissen in den Regionen und Städten zu verankern. Tatsächlich sind zahlreiche Städte und Regionen als assoziierte Partner direkt in die Allianzen eingebunden und entwickeln gemeinsam mit den Hochschulen kluge Lösungen für ihre jeweiligen Bedürfnisse. Die Allianzen fördern die regionale Entwicklung und sind Drehscheiben für Innovation und Unternehmertum.

Wenn all diese Akteure ihre Fähigkeiten und ihr Wissen zum Vorteil der Studierenden bündeln, erreicht die Hochschulbildung eine neue Ebene. Wir werden die Europäischen Hochschulen weiter dabei unterstützen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Mit der Zeit werden sie immer mehr Fakultäten, Institute, Bedienstete und Studierende vernetzen, innovativere, alltagsnahe und transdisziplinäre pädagogische Konzepte anbieten, mehr gemeinsame Programme durchführen, noch inklusiver sein und ihr Umfeld stärker einbinden.

Europäischer Studierendenausweis

Schon im heurigen Herbst werden wir die nächste Projektausschreibung unter Erasmus+ veröffentlichen und erneut Mittel für bestehende und neue Allianzen vergeben. Das Ziel sind 60 Europäische Hochschulen, an denen bis Mitte 2024 mehr als 500 Hochschulen beteiligt sind. Gleichzeitig arbeiten wir an institutionalisierten Kooperationsinstrumenten, darunter ein möglicher Rechtsstatus für Hochschulallianzen, und wir prüfen Möglichkeiten für gemeinsame Abschlüsse auf allen Stufen, basierend auf europäischen Kriterien. Damit wollen wir die länderübergreifenden Studienerfahrungen anerkennen, die diese Allianzen ihren Studierenden bieten. Wir arbeiten außerdem weiter am Europäischen Studierendenausweis als einheitlichem Identitätsnachweis für Studierende, der den Verwaltungsaufwand bei Auslandsaufenthalten senkt.

Wir alle ziehen auf EU-Ebene an einem Strang, mit Mitgliedstaaten, Regionen und Hochschulen in ganz Europa, um die Bandbreite und die Qualität der europäischen Hochschulbildung zu steigern. Wir werden weiter alle Möglichkeiten ausloten, um einen Mehrwert zu schaffen für die 17,5 Millionen Studierenden, 1,35 Millionen Lehrkräfte und 1,17 Millionen Forscherinnen und Forscher in Europa - und letztendlich für uns alle.