Im Bus zum Bahnhof bot ich einer betagten Dame meinen Sitzplatz an. Ich sei ein letzter Kavalier, meinte sie, und so kamen wir ins Gespräch über die Jugend von heute und überhaupt. Sie sei jetzt schon fast 90 Jahre alt, sagte sie, könne sich an dies und jenes nicht mehr so genau erinnern, und überhaupt habe sie den Eindruck, das Leben vergehe so schnell wie ein Urlaub.

Während Georg Philipp Friedrich von Hardenberg alias Novalis (1772 bis 1801) noch meinte, jede Reise führe letztlich immer nur nach Hause, denn das ganze Leben sei als eine solche zu begreifen, so findet der moderne Lebensstil sein Ziel im Unterwegssein. Mobilität wird zum Wert an sich. Aber wer sucht schon sich selbst, wenn er oder sie von tausenderlei Attraktionen umlagert wird, die als konfektionierte Produkte auf ihn oder sie so zugeschneidert sind, dass man nur zuzugreifen braucht, um sogleich im Zustand erschwinglichen Glücks zu landen?

Kurt Luger ist Inhaber des Unesco-Lehrstuhls für Kulturelles Erbe und Tourismus an der Universität Salzburg. Der vorliegende Text ist ein überarbeiteter Auszug aus seinem neuen Buch "Tourismus - Über das Reisen und Urlauben in unserer Zeit" (Springer Fachmedien 2022). - © http://kurt-luger.at
Kurt Luger ist Inhaber des Unesco-Lehrstuhls für Kulturelles Erbe und Tourismus an der Universität Salzburg. Der vorliegende Text ist ein überarbeiteter Auszug aus seinem neuen Buch "Tourismus - Über das Reisen und Urlauben in unserer Zeit" (Springer Fachmedien 2022). - © http://kurt-luger.at

Das heutige Leben in der nach Wohlstand und individuellem Nutzen strebenden Gesellschaft ist einem immer rigideren zeitlichen Diktat unterworfen. In der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft kommen aber viele Versprechen der Moderne wie größere Autonomie oder Selbstverwirklichung zu kurz, der "Beschleunigungszirkel" treibt lediglich unser Lebenstempo voran. Die Realisierung von Lebensplänen oder die Gestaltung der Gesellschaft stehen immer weniger im Einklang mit Ideen der Gerechtigkeit, des Fortschritts, der Nachhaltigkeit.

Die Folge ist eine Entfremdung des Individuums von seiner räumlichen und materiellen Umgebung, weil es kaum noch gelingt, Handlungs- und Erlebnisepisoden zu einem ganzen Leben zusammenzufügen. Jürgen Habermas nannte dies die "dreifache Entzweiung des Ich" - mit der Gesellschaft, mit der inneren Natur und mit der äußeren Natur. Die kurzlebige Welt des 21. Jahrhunderts erlaubt immer weniger Resonanzbeziehungen, Selbstentfremdung und Weltentfremdung in wachsendem Ausmaß sind die Konsequenz.

Urlaub als Antithese zur Beschleunigung

Diesem Zeitdiktat entgegengesetzt scheint der Urlaub beziehungsweise der Tourismus als Teil des Versprechens der Moderne zu stehen, auch wenn er in den sozialen Normen der Zeitlichkeit gefangen bleibt, die in den spätmodernen Gesellschaften Zeitnot erzeugen. Er ist Bestandteil des Systems im Sinne eines Reparaturbetriebes, kann sich somit dem zeitökonomischen Kalkül nicht entziehen. Aber er fällt doch aus der Zeit, weil das Ausmaß an disponibler, also frei verfügbarer Zeit - garantiert auch im Sinne des gesetzlich verankerten Urlaubsanspruchs für die Beschäftigten - größer ist, und er überlässt es dem Individuum zu entscheiden, wie es diese Zeit verbringen möchte.

Das Zeitdiktat gilt auch für die beschränkte Zeit des Urlaubs, wo die Tage scheinbar doppelt oder dreifach so schnell verfliegen wie im Alltag, weil die Menschen besonders intensiv leben wollen oder endlich einmal Leben ins Leben bringen möchten. Die Intensität des Erlebens lässt die Zeit vermeintlich schneller schrumpfen. Kaum angekommen, sitzt man auch schon wieder im Flugzeug nach Hause, den Abglanz des Erlebnisses noch im Auge. Die Hochgeschwindigkeitsgesellschaft verlangt eine zeitliche Verdichtung in der Aneignung des Fremden und des Empfindens, einen komprimierten Erlebniskonsum. Touristen sind daher hingerissen vom scheinbaren Zeitüberfluss in Ländern der Dritten Welt, aber die eigentlichen Arbeitsvollzüge der Einheimischen entziehen sich wie vieles andere zumeist dem touristischen Auge.

Sehnsüchte in zwei oder drei Wochen im Jahr austoben

Langsamkeit, Inselträume, Rückzug in Entschleunigungsoasen nach dem Motto "Lieber ein bisschen Bewegung auf Jamaika oder im Lungau, als Dalli, Dalli daheim" - aus diesem Stoff sind die Sehnsüchte, die von Millionen Erholungssüchtigen über das Jahr kultiviert und dann in zwei oder drei Wochen ausgetobt werden. Das Reise-Ich findet in der Fremde Refugien auf Zeit und erfährt damit einen ferialen Ausstieg aus einer Welt der Zumutungen, Inanspruchnahmen und Überforderungen. Diese Flucht aus dem Alltag, aus der Zeit wie aus dem Raum, reicht noch nicht aus, um das Urlaubs- und Reiseverhalten umfassend zu erklären. Aber der Eskapismus ist das zentrale Motiv der Ferienmenschen. Neben der unstillbaren touristischen Neugier auf Neues und nach atemberaubender Schönheit gehört er zu den zentralen Triebfaktoren für das entfesselte Wachstum der Freizeitindustrie.

Muße, die Gleichgültigkeit gegenüber der Zeit, erleben viele gehetzte Zeitgenossen und Zeitgenossinnen nur noch im Urlaub. Der Tourismus fängt die Getriebenen der chronokratischen Welt mit Offerten ein, die Langsamkeit oder Geschwindigkeitsreduktion als Kompensation oder Therapie gegen Unruhe oder Raserei anbieten. Die globale Tourismuswirtschaft ist aber auch selbst ein langsamer Chronotyp, etwa wenn es um die Verfolgung der UN-Entwicklungsziele, der "Sustainable Development Goals", oder eigener Nachhaltigkeitsziele geht.

Es hat Dekaden gedauert, bis das Prinzip der Nachhaltigkeit, ausgehend von der UN-Konferenz in Rio de Janeiro 1992, in die Tourismuspolitik beziehungsweise in die touristische Praxis Eingang oder gar Umsetzung gefunden hat. Der Tourismus ist verantwortlich für rund 5 Prozent der globalen Treibhausgasemissionen, der ökologische Fußabdruck entsprechend hoch und jener von Kreuzfahrtschiffen und Billigfliegern nicht zu rechtfertigen. Deren kurzfristige beziehungsweise betriebswirtschaftliche Interessen stehen den Zielsetzungen der globalen Agenda 2030 entgegen.

Tourismushabitate sind Begehrensräume, die wir als Orte des Glücks erleben. Die Bewirtschaftung von Erlebnisräumen durch den Tourismus macht aus Altstädten und Naturräumen touristisch bedeutsame Orte, die sinnlich erschlossen und emotional angeeignet werden. In der Vorstellungswelt handelt es sich dabei um ein äußeres Glück, um irdische Paradiese, gefüllt mit etwas Luxus, kulinarischen Höhepunkten, mit schönen Frauen oder Männern in Meeresbuchten, im Winter sind es Fünf-Stern-Wellnesslandschaften und lawinenfreie Pulverschneehänge. Stimmungsvolle Sonnenauf- und -untergänge sowie glänzende Gipfel dürfen keinesfalls fehlen. Diese medialen Images schaffen Sehnsuchtsbilder einer emotionalen Geografie, der wir letztlich alle nachreisen.

Reisen im menschlichen Tempo - zu Fuß zum Ich

Jenseits der lautstarken Inszenierungen des Medienglücks, zu denen der geglückte Urlaub gehört, gibt es aber auch den Weg nach innen, zu sich selbst, als leise Form der Annäherung an Glückseligkeit. Der Tourismus lebt von dieser Erfahrung eines Anders-Ortes und auch von der Anders-Zeit, die ein zumindest kurzfristiges Ausklinken aus dem alltäglichen Zeitkorsett vorsieht. Diese Erfahrung lässt sich aber kaum als Souvenir mit nach Hause nehmen. Es bleibt bei der Verzauberung vor Ort, der ausgelösten Irritation wie Begeisterung für einen anderen Lebensstil, ein anderes Tempo, dem Staunen darüber, wie lange etwa ein Abendessen oder das Warten darauf dauern darf.

Die Rückkehr zu sich und das im menschlichen Tempo, im Wandern oder Gehen, hat in Form des Trekking- oder Wandertourismus einen enormen Aufstieg und auch Bedeutungswandel erlebt. Sein eigenes Tempo finden, Sinnsuche auf neuen Wegen oder alten Pfaden - der Wandertourismus hat in den Bergregionen der Welt nicht nur eine große Tradition, sondern liegt in Verbindung mit der Eigenverantwortung für Gesundheit vollkommen im Trend. Das Gehen als Akt der Selbsterfahrung einer sitzenden Kultur wird zur Technik des Umgangs mit sich selbst.

Bergsteigen etwa ist der Versuch, sich durch sportliche Bewegung in der Vertikalen über die Leerstellen der abendländischen Gesellschaft hinwegzusetzen und dem Körper einen herausfordernden Entfaltungsspielraum zu gönnen. Die damit beabsichtigte Versöhnung mit der Natur und die Suche nach dem einfachen Leben erklären, weshalb die kulturelle Praxis des Pilgerns auch in säkularen Gesellschaften zunimmt. Die "Peregrinage" hat sich vom Bußgang mit religiösem Hintergrund zur Fußreise in einem offenen, spirituellen Tourismus entwickelt. Dieser speist sich aus der Sehnsucht nach postmateriellen Werten und einem Drang nach Übersinnlichem, wobei Spiritualität als eine nach Sinn und Bedeutung suchende Lebenseinstellung zu sehen ist, die über das Ich beziehungsweise sich selbst hinausreicht.

Zeitwohlstand und das Tempo herauszunehmen - "Slow Tourism" weist den Weg in Richtung natur- und kulturnah beziehungsweise Nachhaltigkeit, denn die Qualität beziehungsweise die Intensität des Wahrnehmens und Erlebens hängt von der Art und Weise sowie von der Geschwindigkeit ab, mit der sich Menschen durch den Raum bewegen. Wenn die Großstadt zu einer "Steigerung des Nervenlebens" und zur "Verdichtung von Zeit" führt, wie der deutsche Kulturphilosoph Georg Simmel schon vor 120 Jahren formulierte, so bildet die Erfahrung von Natur und Ruhe die Komplementarität für ein erfülltes Leben.

Die Tradition der Sommerfrische entspringt diesem Stadt-Land-Kontrast, und mit ihr erfolgte der Aufstieg der Region um den Semmering (Wiener Alpen) oder des Salzkammerguts zu Sehnsuchtsdestinationen. Wer Sehnsucht nach Natur empfindet, erlebt gerade einen Mangel davon, denn Sehnsucht bezeichnet einen Zustand der Unterversorgung, der sich emotional wie körperlich als Defizitempfinden ausdrückt und nach Befriedigung verlangt.

Der naturnahe Tourismus etwa in Schutzgebieten oder Nationalparks will die Qualitäten und Werte eines Gebietes sichtbar machen und den Besuchern durch den "eigenen Augenschein" deren Verständnis sowie glückshafte Erfahrungen ermöglichen. Der Begriff des Naturgenusses geht übrigens auf Alexander von Humboldt (1769 bis 1859) zurück und umfasst ein Spektrum von Erfahrungen, die nicht im strengen Sinne lebensnotwendig sind, aber unser Leben bereichern, verschönern, es mit Sinn erfüllen und unsere Lebensfreude steigern. Dieses Glück des Schauenden vermag uns Natur als Lebensganzheit näher zu bringen.