Mit Interesse haben wir Ihre Replik mit dem Titel "Queere Rechtslinguistik ist sinnlos" auf unseren Gastkommentar vom 28. August 2022 gelesen. Auch wenn es Ihnen in erster Linie gar nicht um die engere rechtliche beziehungsweise rechtslinguistische Thematik unseres Artikels ging, sondern um Ihre grundsätzliche Besorgnis gegenüber einer von Ihnen als bedrohlich wahrgenommenen allgemeinen "queeren Wende", wollen wir in den folgenden Zeilen versuchen, auf die von Ihnen vorgebrachten Argumente einzugehen und laden Sie ein, zu antworten, sollten Sie der Meinung sein, dass Punkte offengeblieben sind.
Der demokratische Rechtstaat lebt vom offenen Gedankenaustausch, den uns die "Wiener Zeitung" hier ermöglicht, und wir danken der Redaktion für die Möglichkeit zur Rückantwort.

Wir wollen eingangs bemerken, dass es nicht das Ziel des vorliegenden Beitrages war, selbst neue Ausdrücke zu schaffen oder uns bloß einer modischen Terminologie anzuschließen, sondern vielmehr Gedankenanstöße für ein aus unserer Sicht zu wenig beachtetes Thema zu geben. Ihren Vorwurf einer "willkürlichen Linguistik" weisen wir höflich zurück. Jede Sprachverwendung stellt zugleich eine Positionierung und Perspektivierung dar und das gilt auch für den wissenschaftlichen Sprachgebrauch.

Daniel Green ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik (ÖGRL) und Universitätsassistent an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Anglistik, Amerikanistik und Geschichte sowie Rechtswissenschaften. 
- © Robert Wählt
Daniel Green ist Vorsitzender der Österreichischen Gesellschaft für Rechtslinguistik (ÖGRL) und Universitätsassistent an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Anglistik, Amerikanistik und Geschichte sowie Rechtswissenschaften. - © Robert Wählt

Außerdem passen sich Wissenschaftsdisziplinen immer wieder an gesellschaftliche Veränderungen an, wobei die utopische Vorstellung einer gänzlich neutralen Wissenschaft selbst auch nur ein ideologisches Konstrukt darstellt. Ja, viel zielführender und gesellschaftsrelevanter ist es, Ideologien und Einstellungen innerhalb und außerhalb der Wissenschaft zu explizieren und sichtbar zu machen, das heißt, auch unsere eigenen Stimmen im Sprachgeschehen zu reflektieren. Treten wir also ein in die Arena des Austausches.

Martin Stegu ist Sprachwissenschafter und Universitätsprofessor (i.R.) für romanische Sprachen an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Romanistik, Slawistik und Allgemeine Sprachwissenschaft. 
- © Michèle Pauty
Martin Stegu ist Sprachwissenschafter und Universitätsprofessor (i.R.) für romanische Sprachen an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er studierte Romanistik, Slawistik und Allgemeine Sprachwissenschaft. - © Michèle Pauty

Jammern auf hohem Niveau

Ihr Argument des "lobbyistischen Drucks auf die Medien und auf die Rechtsinstitutionen" ist ein zentrales und berechtigtes. Wir sollten uns aber vor Augen führen, dass es sich hierbei in unseren Breiten um Jammern auf hohem Niveau handelt. In der russischen Föderation werden systematisch die Menschenrechte von LGBTIQ+ Personen verletzt. Erst vor einiger Zeit erreichten uns Meldungen, wonach in Tschetschenien beschlossen worden sei, das Land ein für alle Mal von queeren Menschen zu "säubern" und Menschen in Folterkellern verschwanden. Sollten wir uns alle nicht glücklich schätzen, in einem Land leben zu dürfen, in dem wir nicht fürchten müssen, zusammengeschlagen, mit Urin übergossen, verstümmelt, von Türmen geworfen oder angezündet zu werden?

Ihrem Argument, wonach in totalitären Systemen drastischerer Druck auf die öffentliche Meinung ausgeübt wurde, können wir nicht folgen. Ist es nicht geradezu ein Charakteristikum derartiger Systeme, überhaupt keine öffentliche Meinung zuzulassen, sondern diese vorzugeben? Ja, auch heute sind Menschen manipulierbar, denn es ist stets einfacher in der Masse zu verschwinden und im Strom der Konformität mitzuschwimmen. Es geht aus unserer Sicht darum, "den Mantel der Gleichgültigkeit [zu] zerreißen" (Sophie Scholl) und auf die Baustellen der Gesellschaft zu blicken.

Wir sind keine Anhänger unreflektierter political correctness. Nicht anderen zu gefallen ist das Ziel unserer wissenschaftlichen Tätigkeit, sondern Problemfelder aufzuzeigen, diese zu analysieren und danach Lösungsvorschläge zu machen. Diese können (müssen aber nicht) von Politik und/oder den Gerichten herangezogen werden. Wir stimmen Ihnen zu: Denkvorschriften darf es nicht geben, und solange der Austausch wertschätzend bleibt, wird unsere Tür des Dialogs immer offenstehen. Was Sie zu Ihrem Hinweis auf das Volksbegehren gegen die Einführung der "Ehe für alle" schreiben, können wir nur insoweit kommentieren, als dass uns die Einzelheiten des Falles und Ihre Wortwahl unbekannt sind. Wir sind jedenfalls dafür, dass die Zivilehe gleichgeschlechtlichen Paaren weiterhin offensteht, da dies echter Ausdruck der Gleichheit vor dem Gesetz ist.

Repräsentation in der Öffentlichkeit als wichtiger Schritt

Die Repräsentation queerer Personen im öffentlichen Leben ist ein wichtiger Schritt.
Es geht hier gar nicht darum, dass es sich um queere Personen handelt. Lassen Sie uns Ihnen die von Ihnen angesprochene christliche Identität als Beispiel für die Wichtigkeit von Repräsentation in der Öffentlichkeit geben. Eben weil Sie der Meinung sind, dass viele das von Ihnen nicht näher bestimmte christliche Denken, falsch auffassen, treten Sie dafür ein, dem christlichen Denken mehr Raum zu geben. Es verhält sich bei queeren Identitäten genauso. Niemand soll totgeschwiegen werden, weder wegen einer religiösen Weltsicht, noch wegen einer sexueller Orientierung. Wir geben aber zu bedenken, dass es in Todesgefahr vielleicht leichter ist, das eigene religiöse Bekenntnis oder die politische Weltanschauung zu verschweigen als die eigene Ehefrau oder den eigenen Ehemann zu verleugnen.

Es sollte in der Gesellschaft sichergestellt sein, dass Menschen ihr religiöses Bekenntnis "leben" dürfen, solange dadurch nicht andere Personen gefährdet oder übergeordnete Rechtsnormen verletzt werden. Es ist jedenfalls zu akzeptieren, dass sich inzwischen gesellschaftliche beziehungsweise auch epistemologische Änderungen durchgesetzt haben oder sich gerade durchsetzen, die nicht mehr mit traditionellen Wertvorstellungen des Christentums übereinstimmen. Gegen diese Änderungen kann natürlich demokratisch Stellung genommen werden – aber es ist nicht (mehr) davon auszugehen, dass bestimmte in christlichen Kirchen noch geltende Normen automatisch für die Gesamtgesellschaft anzuwenden seien.

Wir brauchen eine lebendige, diskussionsfreudige Gesellschaft, in der sich niemand fürchten soll, er*sie selbst zu sein. Dazu gehört, dass wir auch Darstellungen hinnehmen müssen, die das eigene "sittlich-religiöse Empfinden" stören. Wenn Sie der Meinung sind, es gebe nur zwei Geschlechter, dann fragen wir uns, warum Sie gerade auf die Zahl 2 kommen. Es geht hier doch gar nicht um eine Zahl und welche Haltung wir zu dieser Zahl einnehmen. Es geht um unseren Umgang mit Geschlecht, denn selbst wenn wir uns – entgegen unserer Annahme – auf männlich und weiblich als starre Geschlechterkategorien verständigen würden, so bleiben die Phänomene der Transidentität und Intergeschlechtlichkeit bestehen. Nein, wir weigern uns, unsere Mitmenschen in eine Kategorie zu zwängen, die ihnen zutiefst widerstrebt. So wie wir Ihnen nicht unsere Meinung aufzwingen, appellieren wir an Sie, Inter- und Transpersonen keine vorgefertigte Geschlechtskategorie überzustülpen.

Fehlende Reproduktionsfähigkeit - eine Wertefrage?

Zu Ihrem Einwand fehlender Reproduktionsfähigkeit mancher Beziehungen: Nicht alle queeren Paare können Kinder zeugen. Doch macht sie das weniger wert? Es gibt auch Paare, die Kinder zeugen könnten und dies trotzdem nicht tun. Andere sind aufgrund medizinischer Gegebenheiten dazu nicht in der Lage. Manche sind aus eigenem Antrieb sexuell gar nicht aktiv (zum Beispiel asexuell fühlende Personen) oder halten sich mehr oder weniger an religiöse Bestimmungen zur Sexualmoral (zum Beispiel röm.-kath. Priester). Richten wir nicht über Menschen, die ein Leben leben, das nicht den eigenen Vorstellungen entspricht. Wer sind wir, unseren Mitmenschen, "Regeln des Menschseins" vorzugeben? Ja, Sie haben Recht. Cancel Culture ist gefährlich, und wir müssen uns dagegen mit aller Kraft verwehren. Nicht, was gecancelt wird ist die Gefahr, sondern, dass gecancelt wird. Dies betrifft nicht nur die Frage von Religion im öffentlichen Raum, sondern auch LGBTIQA+ Themen. Nach wie vor sagt es sich leichter römisch-katholisch als queer zu sein.

Ihre emotionale Reaktion auf die "geschlechterneutrale Sprache" macht uns betroffen.
Wir können Ihrem Argument nicht folgen, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen der Verwendung bestimmter Sprachformen (zum Beispiel Asterisk, Unterstrich oder Doppelpunkt) und dem Anstieg der Gewalt gegen als Frauen konstruierte Personen bestehe. Wir würden Sie diesbezüglich um eine nähere Erläuterung ersuchen, insbesondere bezüglich der statistischen Signifikanz dieser vermeintlich bestehenden positiven Korrelation. Die betrifft auch die von Ihnen gezogene Parallele zwischen "Femizid" und "Insektizid", die wir als ausgesprochen problematisch empfinden, wenn wir Sie denn richtig verstehen.

Zurückweisen müssen wir die pauschalisierende Darstellung, in österreichischen Schulen werde eine "von der "LBGTIQ+"-Community geförderte Manipulation von Kindern" betrieben. Dieser Vorwurf ist unsubstantiiert. Die Äquidistanz der öffentlichen Institution Schule – gegenüber welcher Weltanschauung auch immer – kann nicht mit der Erfüllung des Lehrplanes verglichen werden. LGBTIQ+ ist Teil vieler Lehrpläne und wird daher selbstverständlich unterrichtet, aber nicht öfter und auch nicht energischer als andere Unterrichtsinhalte.

Eine Zensur der Lehrpläne in welchem Bereich auch immer kann niemals mit persönlichen Befindlichkeiten gerechtfertigt werden. Zudem könnte sich der von Ihnen verwendete Begriff der "religiös motivierten Gruppen" gleichermaßen auf die Taliban, die Hilltop Youth oder den ÖCV beziehen. Ja, wir müssen als Gesellschaft entscheiden, wen wir in die Schulen lassen und wen nicht. Wenn ein Verein unter dem Deckmantel der Sexualpädagogik Konversionstherapien gegen Homosexualität anbieten will, dann ist davon auszugehen, dass Jugendliche, in ihrer "natürlichen Entwicklung […] dadurch schwerwiegend beeinträchtigt" werden könnten. 

Die Schule ist für alle da

Wir wissen beim besten Willen nicht, was Sie unter dem Ausdruck "eher christliche, traditionsorientierte Arbeit in Schulen" meinen? Was ist mit Schüler:innen anderer Glaubensrichtungen, die nicht Ihrer Konfession angehören? Was ist mit jenen, die sich keiner Religionsgemeinschaft zurechnen? Die Schule ist für alle da; sie ist keine Schule einer bestimmten sozialen Gruppe und wir verwehren uns gegenüber einer Vereinnahmung des Schulwesens durch welche Lobby auch immer. Es geht nicht darum, religiösem Fundamentalismus die Arbeit in Schulen zu erschweren, sondern diese Praxis gelebter Intoleranz endgültig abzuschaffen. In diesem Sinne fordern wir ein umfassendes gesetzliches Verbot der Konversionstherapie in Österreich. Was sagen Sie dazu?

Ihrem Argument, "die kommende Generation [werde] noch weniger Kindernachwuchs anstreben", können wir nur entgegen, dass Sexualität mehr ist, als Kinder zu zeugen. Haben jene, die wir in unserer Gesellschaft als Frauen konstruieren, ihren Lebenssinn verfehlt, wenn sie nicht zumindest einige Kinder auf die Welt bringen? Es geht im Übrigen schon lang nicht mehr darum, ‚nur‘ die beiden angeblich existenten ‚natürlichen‘ Geschlechter auch faktisch gleichzustellen. Nein, alle Menschen sollen gleich sein, sollen gleiche Chancen haben, sich im Geist der Geschwisterlichkeit begegnen und die Möglichkeit bekommen, die Trampelpfade des binären Geschlechterdogmas zu verlassen. Sie schreiben vom "verkehrten Zeitgeist", doch wie müsste der Zeitgeist sein, sodass er Ihren Erwartungen entspricht?

Ihrem Argument zur "Skandalisierung mehrheitlich anständiger Menschengruppen und Ansichten, speziell des Christentums und der Kirchenvertreter" können wir nicht folgen, denn Sie teilen offenbar Menschen und Ansichten in "anständig" und "unanständig" ein. Mindestens ist es jedoch genau jene Ideologisierung, die Sie in Ihrem Beitrag wohl anprangern möchten. Das Christentum hat in diesem Land nicht mehr und auch nicht weniger Existenzberechtigung als andere Lebensentwürfe. Sie erwecken mit Ihrer Replik den Eindruck, als würden Sie für das gesamte Christentum, oder "die Religion" sprechen. Vielleicht hängen Sie ja noch dem Gedanken an: Extra ecclesiam nulla salus (Außerhalb der Kirche, kein Heil). Dabei gehören Sie mit Ihren Ansichten doch zu einer kleinen aber lauten Gruppe, die genau dazu beitragen, dass gläubige Menschen als intolerant und/oder erzkonservativ wahrgenommen werden, die augenblicklich die Zeigefingermoral auspacken, sobald etwas ihr ‚sittlich-religiöses Empfinden‘ stört. Wir kennen im Übrigen viele Menschen aus unterschiedlichsten Glaubensrichtungen, die auf diesen ins Leere fahrende Zug gar nicht erst aufspringen.

Wertschätzung aller Menschen

Ihr Leitargument, dass eine queere Rechtslinguistik Ausdruck zeitgeistigen Denkens sei, ist unsubstantiiert. Wir pflichten Ihnen aber bei, dass das Recht niemals "zum Vollstrecker der herrschenden Ideologie" werden darf. Entschlossen widersprechen müssen wir Ihnen aber bei der Darstellung, dass das christliche Denken per se öffentlich falsch dargestellt und herabgewürdigt werde. Nein, Sie sind nur nicht damit zufrieden, dass nicht alle Ihre teils sehr althergebrachten Rollenbilder und Ihren erzkonservativen Alarmismus teilen. Auch wir teilen viele Ihrer Ansichten nicht, aber würden stets dafür eintreten, dass Sie diese äußern können. Würden Sie dasselbe auch für uns tun?

Es mag vielleicht sein, dass aus dem queeren Umfeld bisweilen Forderungen kommen, die auf den ersten Blick etwas überzogen wirken und nicht viel Toleranz ausstrahlen. Dies lässt sich teilweise dadurch erklären, dass nach jahrhundertelanger Unterdrückung Personengruppen endlich auch das Recht gegeben wurde, sich ohne zu verstellen in der von ihnen gewählten Identität ihre Meinung äußern dürfen und da vielleicht manchmal über das Ziel hinaus schießen. Trotzdem gefährden solche Äußerungen unsere Gesellschaft nicht in ihren Grundfesten und deren "Bedrohungscharakter" wird unseres Erachtens meist als übertrieben empfunden.

Es sollte nicht vergessen werden, dass die queere Bewegung nicht angetreten ist, um andere Meinungen und Identitäten zu unterdrücken, sondern – im Gegenteil – sich für Menschen einsetzen und engagieren will, die bis jetzt verurteilt, verleugnet oder als minderwertig eingestuft wurden, um letztendlich eine Wertschätzung aller Menschen zu erreichen – ein Ziel, das ja eigentlich auch christlichen Grundidealen entspräche...

Ja, es braucht auch ein allgemeines Umdenken, was die Beschäftigung mit Rechtssprache in unserer Gesellschaft betrifft. Dies aber nicht unter dem Gesichtspunkt, um unsere Demokratie mit Leben zu erfüllen, denn sie ist nie gestorben. Unsere Demokratie lebt und sie ist streitbar (Loewenstein 1937). Wir müssen uns stets der Rechte der Anderen vergegenwärtigen und dürfen uns nicht den Mantel der Gleichgültigkeit überziehen. Das betrifft uns alle: people of all faiths and none, wen auch immer sie lieben. Denn vor dem Gesetz sollen alle gleich sein, weshalb es nicht nur einer streitbaren Demokratie, sondern auch eines wehrhaften Rechtstaats gegenüber Fundamentalismus bedarf, aus welcher Ecke er auch immer kommen mag.