Vor dem WM-Spiel gegen England haben die iranischen Fußballer die Nationalhymne nicht mitgesungen, was in westlichen - insbesondere in deutschen - Medien voll des Lobes aufgenommen wurde. Doch wie ehrlich war dieser einmalige Protest-Coup (vor dem zweiten WM-Spiel gegen Wales am Freitag sangen alle elf mit)?

Nun, es war eine Alibi-Aktion der Spieler, wohl in Absprache mit Mehdi Taj, dem Präsidenten des iranischen Fußballverbands. Die Spieler merkten, dass sie den Zorn der Bevölkerung auf sich gezogen hatten. Besonders hatten eine Audienz bei Präsident Ebrahim Raisi - der eigentlich vor ein nationales oder internationales Gericht gehören würde - und die Art, wie sich die Spieler dort huldigend präsentiert hatten, den Zorn der Bevölkerung gegen sie aufgebracht.

Behrouz Khosrozadeh ist Lehrbeauftragter am Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen. - © privat
Behrouz Khosrozadeh ist Lehrbeauftragter am Institut für Demokratieforschung der Georg-August-Universität Göttingen. - © privat

Äußerungen einiger Spieler streuten weiteres Salz in die Wunde der Iraner. So betonte der bei Feyenoord Rotterdam unter Vertrag stehende Alireza Jahanbakhsh, die Konzentration der Mannschaft gelte dem Fußball und nicht den politischen Themen im Zusammenhang mit den landesweiten Protesten. Mäßigere Töne kam von Mannschaftskapitän Ehsan Hajsafi, der am Tag vor dem Spiel gegen England meinte: "Wir müssen akzeptieren, dass die Bedingungen in unserem Land nicht wirklich gut sind. Unsere Leute sind nicht glücklich. Wir alle sind traurig." Die Interviews können unmöglich ohne die Koordination mit Taj, der selbst ein Ex-Revolutionsgardist ist, erfolgt sein.

Hajsafi äußert sich kurz, nachdem iranische Revolutionswächter mit mittelschweren Kriegsgeräten wie gepanzerten Militärfahrzeugen und schweren Maschinengewehren auf Pick-ups sehr brutal in der kurdischen Stadt Mahabad auf Barrikaden der protestierenden Bevölkerung trafen. Das ganze Land ist voller Sorge besonders um Kurdistan und Mahabad, und die Herrschaften in Katar wissen das auch. Die Spieler sind sich bewusst, dass sie die Unterstützung der Fans brauchen. Das ist auch für das Regime, das sich von der Fußball-WM zumindest ein wenig Ablenkung von seinen Gräueltaten erhofft hat, immens wichtig.

Abgesprochene Aktion

Die Alibi-Geste der Spieler vor dem Anpfiff dauerte freilich nur ein paar Sekunden, was in Relation zu der Schwere des Leidens ihrer Landsleute zu wenig war. Das Spiel hat mit Nachspielzeiten eineinhalb Stunden gedauert. Dabei war von keinem einzigen Spieler auch nur die leiseste Geste der Solidarität mit eigener Bevölkerung zu sehen, nicht einmal beim Verlassen des Spielfeldes nach der Halbzeit, am Ende der Partie oder in den Katakomben des Stadions, nach dem Motto: Wir haben unsere Schuldigkeit in den paar Sekunden Stillhalten während der Nationalhymne erfüllt.

Bände sprach ein Fifa-Interview nach dem Spiel mit dem zweifachen Torschützen Mehdi Taremi, der Fragen nach den dramatischen Zuständen in seiner Heimat permanent auswich. Angesprochen auf seine Gefühle in Bezug auf die Situation in seinem Land, betonte er: "Ich bin weder politisch noch will ich Ihre Fragen beantworten! Ich bin bei der WM, um Fußball zu spielen und Fußball zu genießen. Ich weiß nicht, warum Sie diese Fragen immer wieder stellen und nicht nach dem Krieg in der Ukraine fragen." Taremi hat übrigens im Jahr 2018 Ali Chameneis Tweet retweetet: "Der Staat Israel wird keine weiteren 25 Jahre bestehen." Eine Ausnahme unter den Spielern bildet Sardar Azmoun, der bei Bayer Leverkusen spielt und wegen seiner regimekritischen Äußerungen Popularität genießt. Er wurde nur auf Druck des portugiesischen Cheftrainers des Iran mit großer Mühe nach Katar mitgenommen.

Das Schweigen der Spieler bei der Hymne muss jedenfalls mit dem Verbandspräsidenten abgesprochen gewesen sein, ansonsten hätte Taj sie in der Kabine richtig gerügt. So wie bei der WM-Qualifikation 2010, als gegen Südkorea sechs Spieler, darunter Ali Karimi, vor laufenden Fernsehkameras plötzlich mit grünen Armbinden auf dem Feld erschienen (es war damals die Hochzeit der "Grünen Bewegung" ab 2009). "Entweder legt ihr die Armbänder ab oder ihr geht nicht aufs Feld", drohte Taj, der damals Vizeverbandspräsident war und laut eigenen Angaben seine Anweisung aus Teheran bekommen hatte.

Protest von Legenden

Aktuell ist nicht bekannt, dass die Spieler in Katar von Taj gemaßregelt worden wären, das wäre schnell durchgesickert. Auch von der iranischen Regierung nebst Sportminister war kein Rüffel zu hören. Taj wird das auch nicht ohne Rückendeckung von Teheran gewagt haben, da könnte er seinen Job verlieren.

Prominente iranische Sport-Insider lassen sich auch nicht beeindrucken von dieser Alibi-Aktion, die manche als "billig" bezeichnen. So twitterte Yahya Golmohamadi nach dem England-Spiel: "Ihr habt verloren, bevor ihr (zur WM) gegangen seid; es tut mir leid!" Der 74-fache Nationalspieler ist heute Cheftrainer des iranischen Kultklubs und aktuellen Tabellenführers Persepolis, fünf seiner Spieler stehen im Kader der Nationalmannschaft, zwei davon spielten gegen England. Fußballlegenden wie Ali Karimi, Ali Daei und Mehdi Mahdavikia haben die offizielle Einladung der Fifa nach Katar abgelehnt. "Ich möchte mit euch in meinem Land sein und all den Familien, die in diesen Tagen ihre Angehörigen verloren haben, mein Mitgefühl aussprechen. In der Hoffnung auf gute Zeiten für den Iran und die Iraner", twitterte Daei.

Das iranische Regime wird alles unternehmen, um diese größte Herausforderung ("Frau, Leben, Freiheit") zu überstehen. Und die Mullahs schrecken bekanntlich vor nichts zurück. Es ist in ihrem Sinne, dass die Iraner - besonders die Jugend - in diesen Schicksalstagen zuhause vor dem Fernseher bleiben. Allen westlichen Begeisterungen für das demonstrative Nicht-Mitsingen der Nationalhymne in Katar zum Trotz hat die iranische Bevölkerung das Debakel gegen England auf den Straßen gefeiert. Die großen Werbebanner der Fußballnationalmannschaft in Teheran hatten Demonstranten einen Tag vor dem Spiel in Brand gesteckt.