Niemand brachte die unendliche Geschichte des Politischen eleganter auf den Punkt als der legendäre britische Premier Benjamin Disraeli: "Finalität ist nicht die Sprache der Politik." Nichts ist in Stein gemeißelt. Wo Menschen sind, gibt es Interessen. Wo in einer Demokratie die politischen Ideen der Freiheit und Gleichheit zum Majoritätsprinzip zusammenlaufen, ändern sich Mehrheiten. Zum Guten, Schlechten, Bösen. Man muss mit allem rechnen. Fast genauso ist es in der internationalen Politik. Alles ist möglich. Nationale Interessen können sich ändern, denn sie sind ja nur politischer Wille zu einem geschichtlichen Zeitpunkt. Wäre da nicht diese Angst.

Robert Schütt ist habilitierter Politologe und Ökonom. Er lehrt Geopolitik an der Diplomatischen Akademie Wien. Zuvor war er im Verteidigungsministerium tätig. - © privat
Robert Schütt ist habilitierter Politologe und Ökonom. Er lehrt Geopolitik an der Diplomatischen Akademie Wien. Zuvor war er im Verteidigungsministerium tätig. - © privat

Als der junge Düsseldorfer Hans H. Herz im Jahr 1931 an Hans Kelsens Tür im Kölner Dom Hotel klopft, weil er bei ihm promovieren will, ist unklar, was aus ihm wird. Jedenfalls nimmt Kelsen ihn mit nach Genf. Flucht. In Washington kommt Herz an der afroamerikanischen Howard University (Alma Mater von US-Vizepräsidentin Kamala Harris) unter und arbeitet wie so viele Geflüchtete im Zweiten Weltkrieg für den US-Geheimdienst. Der Durchbruch erfolgt 1951. Ermutigt von Hans J. Morgenthau und unterstützt von Kelsen, publiziert er als John H. Herz sein Hauptwerk "Politischer Realismus und Politischer Idealismus". Darin steht alles Wichtige. Zeitlos aktuell.

Große Mächte misstrauen einander. Woher diese Angst kommt und wie durchdringend das Machtstreben ist, erklärt Herz mit einem Sicherheitsdilemma so subtil wie kein anderer. Vielleicht ist die gute Nachricht, dass das Machtproblem in in einer grundsätzlich veränderbaren sozialen Konstellation wurzelt. Der Teufelskreislauf der Macht- und Mächtekonkurrenz folgt einer sozial-psychologischen Dynamik. Ohne Weltpolizei verfallen Menschen und Staaten in eine internationale Angst-Macht-Spirale. Sitzen in der Falle.

Die weniger gute Nachricht ist: Das Sicherheitsdilemma ist ein Dilemma, eine Tragödie ersten Ranges, mit archaischer Tiefe. Es ist eine Binsenweisheit, dass Großmächte ganz allein für ihre territoriale Sicherheit und soziale Zukunft sorgen müssen. In Washington, Peking und Moskau gibt es keine Sorgentelefone. Was Herz meint: Niemand kann sich über die Absichten und Fähigkeiten der jeweils anderen sicher sein. Niemals. Der Griff zur politischen Macht (nicht zum Krieg) ist angewandte Psychologie existenzieller Unsicherheit. Egal ob die Angst rational oder (höchst) irrational ist - sie ist da. Auch morgen wieder. Und übermorgen.

Also, was tun? Der realistische Idealismus oder idealistische Realismus des von Kelsen, Hans Jonas und Günther Anders beeinflussten Weltbürgers Herz ist aktueller denn je. Solange es souveräne Nationalstaaten gibt, gibt es das Sicherheitsdilemma, gibt es die strategische Kultur der Angst. Das Ziel kann nur sein, das Völkerrecht und weltgemeinschaftliche Strukturen zu stärken. Aber dafür muss die Außen- und Sicherheitspolitik das Sicherheitsdilemma in seiner Tiefe verstehen. Nur so kann es gelingen, den Kampf um Macht und Sicherheit so gut es geht abzumildern: durch Machtbalancierungen, Kompromisse und Einsatz der Diplomatie.