Wie noch nie zuvor lässt sich die Notwendigkeit eines Wandels in Wirtschaft und Gesellschaft mit Fakten untermauern. Wie schwer sich die politischen Vertreter allerdings tun, sich global auf die nötigen Weichenstellungen zu verständigen, zeigt das Ergebnis der Weltklimakonferenz COP27.

Josef Baumüller ist Experte für nichtfinanzielle Berichterstattung an der TU Wien. - © privat
Josef Baumüller ist Experte für nichtfinanzielle Berichterstattung an der TU Wien. - © privat

Abseits der großen politischen Bühne gab es in den vergangenen Jahren aber auch positive Impulse: Mit dem Ziel, eine globale Vorreiterrolle im Kampf gegen die Erderhitzung einzunehmen, hat die EU-Kommission mit Maßnahmen wie dem Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums (2018) den Rahmen dafür geschaffen, Nachhaltigkeit in den europäischen Wirtschafts- und Finanzmärkten zu verankern. Neue Regeln für Geldanlage oder Kreditvergaben werden dadurch bereits mit Nachweispflichten über Emissionen oder die Einhaltung sozialer Mindeststandards verbunden.

Jakob Mayr ist Experte für nachhaltige Finanzen beim WWF Österreich. - © WWF / Tamara Greiner
Jakob Mayr ist Experte für nachhaltige Finanzen beim WWF Österreich. - © WWF / Tamara Greiner

Von besonders einschneidender Bedeutung wird eine neue EU-Richtlinie sein: die "Corporate Sustainability Reporting Directive" (CSRD). Unternehmen sollen demnach künftig darstellen, wie sie Nachhaltigkeit in ihrem Geschäftsmodell, in ihrer Strategie und in ihrer Aufbauorganisation berücksichtigen. Wie genau, das wird durch neue Standards definiert. Dieses "Best of" bereits bestehender, international anerkannter Normen bietet einen guten Kompromiss zwischen den Bedürfnissen der Unternehmen, der Zivilgesellschaft und des Kapitalmarkts.

In Österreich werden von diesen Transparenzpflichten mehr als 2.000 Unternehmen direkt betroffen sein. Wenn die EU-Kommission von Verwässerungen absieht, wird damit eine völlig neue, vergleichbare Datenbasis zur Nachhaltigkeitsleistung von Unternehmen geschaffen - deren Sinnhaftigkeit sich schon aus wissenschaftlichen Befunden wie aus übergeordneten politischen Zielsetzungen ergibt.

Den Mehrwert ambitionierter Standards zeigt auch eine neue begleitende Kosten-Nutzen-Studie. Aus zahlreichen Interviews mit zukünftig berichtspflichtigen Unternehmen ergibt sich ein klares Bild: Kurzfristig kommen auf die europäische Wirtschaft zwar Kosten für die Einführung der neuen Berichtspflichten zu. Mittelfristig überwiegen jedoch die Vorteile: Kosteneinsparungen für die Unternehmen und ihre Stakeholder, gesunkene Risikokosten und eine gestiegene Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft. Damit liegen überzeugende Befunde dafür vor, dass es sogar wertsteigernd für Unternehmen ist, sich an solchen ambitionierten Maßstäben zu orientieren.

Mit den vorliegenden Standards für die Nachhaltigkeitsberichterstattung wird das Verständnis der Verantwortlichkeiten von Unternehmen gegenüber der Gesellschaft neu definiert. Ein längst überfälliger Schritt, der wohl nur gelingen wird, wenn sich auch die kritische Öffentlichkeit an den anstehenden Debatten beteiligt - und sie nicht bloß der Hoheit von Lobbyisten überlässt, die nur allzu leicht das (nunmehr sogar belegte) langfristige Nutzenpotenzial aus den Augen verlieren.