Die meisten Katarer sind quasi automatisch reich: Sie müssen nicht hart arbeiten, um Geld zu verdienen. Damit fiel für katarische Nationalspieler die Motivation für ein anstrengendes Fußballtraining weg. Der Ehrgeiz, die Sache ernst zu nehmen, wurde erst mit der Aussicht auf Ruhm geweckt, berichtet der deutsche Fußballtalente-Coach Stephan Hildebrandt.

Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftsmediatorin und Unternehmensberaterin in Wien. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreises Industrie 4.0/IoT und Aufsichtsratsvorsitzende des Verbandes Österreichischer Wirtschaftsakademiker. - © Symfony / Klaus Prokop
Sabine M. Fischer, Inhaberin von Symfony Consulting, ist Wirtschaftsmediatorin und Unternehmensberaterin in Wien. Sie ist Sprecherin des Arbeitskreises Industrie 4.0/IoT und Aufsichtsratsvorsitzende des Verbandes Österreichischer Wirtschaftsakademiker. - © Symfony / Klaus Prokop

Politiker sind - wenn wir Ruhm mit Aufmerksamkeit und großer Fangemeinde gleichsetzen - quasi automatisch auf Ruhm ausgerichtet: Nur die Aufmerksamkeit der Massen lässt sie als Wahlsieger vom Feld gehen.

So wie Hildebrandt vom erfindungsreichen Abwälzen der Katarer auf externe Hindernisse berichtet, sieht man auf politischen Ebenen zunehmend eine vorherrschende Strategie: Statt Probleme strukturell zu lösen, werden sie abgewälzt.

Die schlechten Kenntnisse von Pflichtschülern in Lesen, Schreiben und Rechnen werden nicht dort bearbeitet, wo sie herkommen, nämlich in Kindergärten und Schulen, sondern sie werden abgewälzt auf viel teurere und ineffektivere Trainings des Arbeitsmarktservices. Die Hilfeschreie von Kindergartenpädagogen und Lehrern werden mit einem verstärkten Berichts- und Statistikwesen beantwortet - Strukturreformen werden abgewälzt auf zusätzliche Arbeit mit dem Ausfüllen von Formularen.

Und wenn Ernest G. Pichelbauer in der "Wiener Zeitung" von seinen Erlebnissen mit der Vielzahl der Nicht-Notfälle in einer Notfallambulanz berichtet, dann illustriert er anschaulich, welche Strukturreformen es bräuchte, damit Menschen besser und billiger geholfen werden könnte. Dass mit gut durchdachten strukturellen Veränderungen ganz nebenbei auch noch die Arbeitszufriedenheit der dortigen Fachkräfte gesteigert und die Anwerbe- und Behaltequoten wesentlich erhöht werden könnten, wäre in Zeiten des Fachkräftemangels auch nicht unerheblich.

Es scheint, als wäre unserer politische Elite angesichts der multifaktoriellen Krisen der Überblick ebenso wie das Verständnis für die Komplexität der Verhältnisse verloren gegangen. Leider führt die Strategie des Abwälzens der herrschenden Probleme an jene, die unmittelbar darunter leiden und die Situation nicht verändern können, zu einer Gemengelage von Frustrationen, Fatalismus und Glauben an die Effizienz von autokratischen Systemen. Die größte Gefahr liegt darin, dass dieses Narrativ die einzig einleuchtende Lösung für die Mehrheit wird. Dagegen hilft nur Klarheit über die hohe Bedeutung von individueller Freiheit in einem Rechtsstaat, von kritischer Rationalität auf Basis von Wissen und von fairem Pluralismus für die Lösungskompetenz.

Erschreckenderweise werden gerade jene Strukturen, die diese Zusammenhänge aufzeigen können, weiterhin ab- statt aufgebaut: Bildungs-, Rechts-, Sicherheits- und Gesundheitswesen und faktenbasierter Journalismus. Politiker aller Couleur sollten - wie es Katars Fußballer versucht haben - vom Abwälzen zum Toreschießen kommen. Der Ruhm wäre ihnen sicher.