Die Fast-Fashion-Industrie, die seit den 1990ern einen rasanten Aufstieg erlebt hat, wird zunehmend kritischer gesehen. Anleger und Verbraucher wägen die Umweltkosten der zu "Wegwerfartikeln" gewordenen Kleidung ab und fordern mehr Transparenz und bessere Arbeitsbedingungen bei der Herstellung. In der Branche besteht nach wie vor erheblicher Verbesserungsbedarf, aber es gibt auch Marktteilnehmer, die auf nachhaltigeres Wirtschaften setzen und diesen Stakeholder-orientierten Ansatz erfolgreich bei den immer anspruchsvolleren Konsumenten vermarkten.

Sébastien Thévoux-Chabuel ist Head of Responsible Development bei der internationalen Fondsboutique Comgest. - © Comgest / Antoine Doyen
Sébastien Thévoux-Chabuel ist Head of Responsible Development bei der internationalen Fondsboutique Comgest. - © Comgest / Antoine Doyen

Seit den Anfängen des Fast-Fashion-Handels in den 1990ern ist die Zahl der pro Kopf verkauften Bekleidungsstücke sprunghaft gestiegen. In einigen Märkten gibt es zwar Anzeichen für eine Verlangsamung oder sogar Umkehr dieses Trends. Dennoch wird sich die Menge produzierter Kleidung voraussichtlich von 62 Millionen Tonnen im Jahr 2015 auf 102 Millionen Tonnen im Jahr 2030 erhöhen. Der Wandel bei den Anforderungen der Anleger und das geänderte Verbraucherverhalten führen dazu, dass ein wachsender Anteil dieser Kleidung nachhaltig produziert und nicht über klassische Vertriebswege abgesetzt wird. Branchenführer reagieren auf diese Trends und dürften in Anbetracht des fragmentierten Marktes mit dieser Strategie Marktanteile gewinnen.

Defizite in der Fast-Fashion-Lieferkette

- © apa / Hans Klaus Techt
© apa / Hans Klaus Techt

Die Lieferkette der Textilindustrie ist durch schlechte Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne gekennzeichnet. Doch seit dem schockierenden Einsturz des Fabrikgebäudes Rana Plaza in Dhaka im April 2013 mit 1.135 Toten und 2.438 Verletzten haben führende Unternehmen der Branche ihre Lieferantenbeziehungen neu gestaltet und begonnen, Anlegern die nötigen Informationen zur Überprüfung ihrer Lieferkette zur Verfügung zu stellen. So gab H&M 2013 als erster Modehändler umfassenden Einblick in seine Lieferantenliste für mehr Produkttransparenz. Weitere Einzelhändler wie Primark und Inditex folgten diesem Beispiel. Auch Uniqlo aus Japan veröffentlicht auf seiner Website vollständige Details zu seinen Fabriken und Baumwollspinnereien in China und Südostasien.

Gleichwohl gibt es noch immer erhebliche Defizite in der Fast-Fashion-Lieferkette. Die Enthüllungen über die Zustände in den "Sweatshops" der Zulieferfabriken für den Online-Händler Boohoo in Leicester sind nur ein Beispiel hierfür. Das Versagen der Governance-Strukturen ließ den Aktienkurs von Boohoo am Ende um 40 Prozent einbrechen - was uns jäh vor Augen führt, wie sich ESG-Risiken - also in den Bereichen Umwelt (Environmental), Soziales (Social) und Unternehmensführung (Governance) - finanziell äußerst schmerzhaft bemerkbar machen können.

Vorreiter in einer nicht nachhaltigen Industrie

Ein weiteres wichtiges Element für eine führende Position in der Branche ist die Verringerung der eigenen Umweltbelastung. Das prognostizierte Wachstum der weltweit produzierten Kleidung auf 102 Millionen Tonnen im Jahr 2030 impliziert einen enormen Anstieg des Ressourcenverbrauchs. Demgegenüber haben die meisten Big Player der Fashion-Industrie ambitionierte Umweltziele veröffentlicht. Sie entwickeln nachhaltige Materialien und effizientere Prozesse, um ihren Wasser- und Stromverbrauch zu senken und weniger Chemikalien und Pestizide einzusetzen.

Inditex ergriff hier die Initiative und verpflichtete sich 2019, ab 2025 nur noch 100 Prozent recycelte Baumwolle, recyceltes Polyester und nachhaltiges Leinen zu verwenden. H&M will bis 2035 klimapositiv werden und hat konkrete Maßnahmen getroffen, um innovative Materialien auf Basis natürlicher Abfallprodukte wie Orangenfruchtfleisch und Ananasblättern zu entwickeln. Uniqlo investiert in neue Verfahren bei der Denim-Herstellung, die den Wasserverbrauch um 99 Prozent und die CO2-Emissionen um 85 Prozent senken. Insgesamt setzt rund die Hälfte der Textilhersteller bereits nachhaltigere Materialien ein, und viele Start-ups arbeiten an disruptiven Technologien.

Die Reaktionen der Branche sind auch auf veränderte Kundenpräferenzen hin zu Wiederverwendung und Recycling zurückzuführen. Diesen Trend hat beispielsweise Uniqlo mit seiner Initiative "Re.Uniqlo" aufgegriffen, mit der das Produktrecycling zu Produkten und Brennstoffen und die Wiederverwendung von Produkten gefördert werden. Dieser Trend manifestiert sich auch an der Zunahme neuer Einzelhandelsmodelle. So hat H&M über seine Private-Equity-Sparte nicht nur in Technologie-Start-ups investiert, die neue Recycling-Methoden entwickeln, sondern sich auch am Online-Second-Hand-Shop Sellpy beteiligt. In Japan verfolgt Zozo mit "Zozo Used" ein vergleichbares Modell.

Mehr Innovation - aber nur keine höheren Preise

Allerdings besteht eine klare Herausforderung für die Branche darin, dass Konsumenten von den Unternehmen mehr Investitionen in innovative Produktions- und Vertriebstechnologien erwarten, aber umgekehrt nicht bereit sind, einen Mehrpreis für die so hergestellte und verkaufte Kleidung zu zahlen. Gelöst werden kann dies, indem nachhaltige Produktionsverfahren in größerem Umfang eingesetzt werden, sodass sich Skaleneffekte bemerkbar machen.

Unternehmen wie Fast Retailing aus Japan erzielen zudem Effizienzgewinne durch die stärkere Automatisierung ihres Logistikbetriebs. Etablierte Fast-Fashion-Einzelhändler können es sich einfach nicht leisten, Kundenpräferenzen oder die Bedrohung durch neue Wettbewerber wie Vinted (ein Marktplatz für gebrauchte Bekleidung) oder Plattformen für Leihmode im Abo wie "Rent-the-Runway" und "Air Closet" zu ignorieren.

Der Trend hin zu nachhaltiger Produktion und transparenten Lieferketten in der Modebranche wird, wie bereits erörtert, nicht nur bei den Verbrauchern, sondern genauso stark bei den Anlegern unter die Lupe genommen. Investoren und Vermögensverwalter achten immer genauer darauf, wie Textilunternehmen mit Umwelt- und Sozialrisiken umgehen sowie ESG-Kriterien umsetzen. So weist zum Beispiel das ESG-Analystenteam von Comgest jedem Unternehmen ein ESG-Qualitätsniveau von 1 (ESG Leader) bis 4 (Verbesserung erwartet) zu. Dieses Rating hat direkten Einfluss auf den Ab- beziehungsweise Aufschlag in den eigenen Unternehmensbewertungsmodellen. Vorreiter in der Textilbranche haben normalerweise ein relativ hohes ESG-Qualitätsniveau.

Unternehmen mit einem niedrigeren ESG-Rating können wiederum einen Bonus erhalten, sofern ein eindeutig identifiziertes Verbesserungspotenzial besteht und das Unternehmen nachweislich bereit ist, die richtigen Maßnahmen zu ergreifen. Auch wenn sich Anleger und Verbraucher zu Recht fragen mögen, ob Fast-Fashion in einer Welt mit knappen Ressourcen überhaupt noch zeitgemäß ist, zeigen führende Textilunternehmen mit ihren Maßnahmen zur Verbesserung ihrer ökologischen und sozialen Auswirkungen gleichwohl, dass nachhaltiges Handeln auch in einer nicht nachhaltigen Branche möglich ist.