Mitten im Advent wird am 8. Dezember Mariä Empfängnis gefeiert - ein gesetzlicher Feiertag in Österreich. Aufgrund der zeitlichen Ausrichtung des Festes kommt es nicht selten zur Verwechslung mit der Empfängnis Jesu. Das Fest ist katholisch bestimmt und geprägt. Aber das gefeierte Anlass hat eine verbindende Kraft zwischen den monotheistischen Religionen. Das Gedenken an Marias Geburt kann auch heute noch über die religiösen Grenzen der jeweiligen Religion hinweg in Menschen wirken.

Abualwafa Mohammed ist promovierter Religionspädagoge und muslimischer Theologe. Er forscht zur islamischen Friedensbildung und zu einem europäischen Islam (www.abualwafa.at). 
- © privat

Abualwafa Mohammed ist promovierter Religionspädagoge und muslimischer Theologe. Er forscht zur islamischen Friedensbildung und zu einem europäischen Islam (www.abualwafa.at).

- © privat

Der jüdische Religionswissenschafter David Flusser sieht Maria in seinem Buch "Maria. Die Gestalt der Mutter Jesu in jüdischer und christlicher Sicht" als eine große Tochter des jüdischen Volkes, gleichsam als das "weibliche Antlitz" des Judentums. Der Koran lässt sie als die Schwester Aaron zu bezeichnen (Koran 19:28). "Mit Maria beginnt etwas ganz Neues. Sie wird die Mutter Jesu werden. Sie ist wohl die berühmteste Mutter. Viele finden bei ihr Geborgenheit und Trost." – Kardinal Christoph Schönborn. Maria ist die einzige Frau, die im Koran namentlich erwähnt wird, auch wenn viele Frauen im Koran vorkommen. Nur sie genießt diese Besonderheit. Die 19. Sure des Korans trägt ihren Namen. Dass Ihre Geburt rein und gesegnet ist, ist im Koran eine Selbstevidenz (Koran 3: 33-37).

Die zweitlängste Sure des Korans ist mit "Das Haus Imran" - Marias Familie - beschriftet. Maria und ihre Mutter Anna stehen im Mittelpunkt der koranischen Erzählung. Der Koran ist daher bei der Erwähnung von ausgewählten wie Adam, Noah, Abraham und seine Nachkommen (Koran 3:33) dran interessiert, Maria-Empfängnis zu würdigen. Maria wird namentlich als von Ihm auserwählt geehrt "O Maria! Siehe, Gott hat dich erwählt und rein gemacht – Er erwählte dich vor allen Frauen in der Welt." (Koran 3:42)

Die koranische Erzählung von der Empfängnis Marias kann einen wichtigen Beitrag zum interreligiösen Lernen gerade heute leisten. Denn die Geschichte dort relativ ausführlicher vorkommt und die Schüler:innen können schnell einen Anschluss dazu finden. Es braucht neue Thematiken, neue Brückenfiguren und frischen Mut. Das ist ebenso für den interreligiösen Dialog wichtig und erforderlich.

Maria ist dem Koran nach ein Geschenk Gottes, das an "Gott" gewidmet wurde. Die dialogischen Gebete Annas im Vorfeld, während und nach der Geburt Marias sind ein sprachästhetisches Erlebnis des Korans und ein besonderer spiritueller Akt. Die Gespräche zwischen der jungen Maria und Zacharias sind religiös tiefgründig und berührend. Sie ist die Mutter Jesu, der im Islam nach ihr benannt ist - Isa ibn Mariam - Jesus, Sohn Marias. Eine weitere Anerkennung für sie.

Maria erlebte schwere Schicksalsschläge und Hiobsbotschaften. Sie wurde mit Verleumdung, Hass und Verschwörung gegen sie konfrontiert. Sie hält an zwei Dingen fest: 1. Vertrauen in Gottes Führung und Fügung, denn Er ist allwissend bzw. treu. 2. Nie den Glauben an das Gute in den Menschen verlieren - egal, wie schlimm es aussieht. Der Koran und sein Prophet sehen in Maria ein Vorbild für alle Gläubigen (Koran 66,11-12) und ich bin einer von vielen, die in Maria Geborgenheit und Trost finden.