Wie weiter in der Schule? Ist es förderlich, den Deckel auf die durch Krieg oder Flucht oft entstandenen emotionalen Abgründe der Kinder zu halten, um einen "normalen" Schulbetrieb zu gewährleisten? Emotionale Vulkanausbrüche zu bestrafen?

Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien, seit 2003 ständige Reporterin des "Augustin". Im Rahmen einer Projektarbeit durfte sie am "Bildnerische Erziehung"-Unterricht einer Mittelschule teilnehmen. - © Lisbeth Kovacic
Kerstin Kellermann ist freie Journalistin in Wien, seit 2003 ständige Reporterin des "Augustin". Im Rahmen einer Projektarbeit durfte sie am "Bildnerische Erziehung"-Unterricht einer Mittelschule teilnehmen. - © Lisbeth Kovacic

Eine Schulklasse voller Kinder, die Experten in Sachen Flucht und Migration sind, sitzt zumeist typisch österreichischen Lehrern gegenüber, die an stabile Verhältnisse, Wohnung, Arbeit und Beziehungen betreffend, gewöhnt sind. In der Schule werden Flucht und Migration kaum besprochen. Lehrer und Lehrerinnen halten gern den Deckel auf die starken Emotionen, die durch den Verlust der gewohnten Lebensrealität im Innern der Kinder ausgebrochen sind. Mit vielen ukrainischen Kindern, die direkt aus dem Krieg geflüchtet sind, ist diese gewohnte Schulwelt nun ein bisschen aufgebrochen.

Ganz einfache Übungen, wie Stammbaum zeichnen oder die ehemals geliebte Stadt beziehungsweise die neue Heimatstadt Wien als Bild zu gestalten, können Tränenausbrüche hervorrufen. Ukrainische Kinder scheinen derzeit aus ihrer Schockstarre aufzuwachen und wütend zu werden, über den Krieg und das Leben überhaupt - ihre verpassten Chancen auf Unbeschwertheit, die Heranwachsenden gegönnt sein sollte. Ein bedrückt wirkendes tschetschenisches Mädchen hatte überhaupt nur drei Menschen auf seinem Stammbaum. In der Schule wird derzeit leider zum Teil mit uralten Disziplinierungsmethode auf die kleinen Vulkanausbrüche reagiert, in denen sich Kinder Luft machen, die sich schlecht ausdrücken können - weder textlich noch bildlich. Kinder knuffen, hauen und umarmen einander, sie brüllen herum, lachen dann und meinen. "Alles nur Spaß!"

Am schlimmsten betroffen scheinen aber jene Kinder zu sein, die starke Altlasten aus dem Zweiten Weltkrieg mit sich herumschleppen. Für sie gibt es überhaupt keine Ansprechpersonen, da die NS-Zeit als längst vergangen historisiert wird. Eine Oma aus Sofia, die von einem Schüler im Zuge des Stammbaum-Malens gefragt wurde, wer denn ihre Eltern waren und wohin diese einst verschwanden, weinte nur heftig am Telefon. Der Vater verweigerte die Auskunft. Der Stammbaum dieses Schülers weist viele Fragezeichen in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg auf.

Schwierig ist auch, dass in nicht wenigen Klassen Söhne von Tätern aus den Jugoslawien-Kriegen sitzen, die ihr Nichtwissen über den Krieg glorifizieren, Dolche und Messer zeichnen, daneben steht dann: "Kill ya!" Wenn Lehrerinnen keine Ahnung von den Jugoslawien-Kriegen haben, bekommen diese Jungs wohl kaum eine andere Meinung als die des "heldenhaften" Täter-Vaters zu hören. Diese Täter-Söhne haben das überschießende Potenzial, andere Kinder gehörig durcheinanderzubringen.

Wie weiter in der Schule? Ist es sinnvoll, den Deckel auf die durch Flucht oder Geschichtslasten entstandenen emotionalen Abgründe zu halten, um einen "normalen" Schulbetrieb zu gewährleisten? Oder ist es nicht hilfreicher, zumindest Versuche zu starten, den Kindern einen Ausdruck ihrer Emotionen zu gewährleisten, auch wenn diese danebengehen können? Kleine Ventile? Gesellschaftlich gesehen sollten unbedingt Zwischenformen gefunden werden zwischen dem kompletten Ignorieren und der Strafandrohung für emotionale Ausbrüche (das kann auch Euphorie sein) angesichts der einen Stunde in der Woche, über die eine Schulpsychologin verfügt. Die Kinder sollten Möglichkeiten erhalten, sich als Kinder ihrer Zeit zu verstehen und sich in einen gesamtgesellschaftlichen Kontext stellen dürfen. Dann wären sie nämlich nicht so alleine gelassen mit ihren starken Gefühlen.