Er sehe zwar schon schlecht und er höre auch nicht mehr gut, aber noch könne er Auto fahren. Damit eröffnete Leopold Kohr, ein in vielfacher Hinsicht auffälliger Ökonom mit österreichischen Wurzeln und erfolgreichen Markierungen in den USA, einen seiner legendären Vorträge. Kokettierend mit seinem Alter, präsentierte er mit dieser Einleitung seine Botschaften: Besser als schnelle Antworten ist in der Wirtschaft die lange Suche nach den relevanten Fragen. Raum und Zeit kommt dabei eine Schlüsselrolle zu: In welcher zeitlichen Erreichbarkeit soll beispielsweise ein Herzinfarkt behandelt werden oder in welcher geografischen Dimension soll die Wertschöpfungskette für ein Auto organisiert werden? Erst nach diesen suchenden Antworten über wünschenswerte Strukturen sollen die dafür geeigneten Strategien mit einer Priorität für Märkte fixiert werden.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Dieser von Leopold Kohl propagierte Zugang zur Strukturierung unserer Wirtschaft ist ein Kontrastprogramm zur derzeit gewohnten Praxis. Gefragt wird eher, wie die Kosten für das Gesundheitssystem reduziert werden können oder wie durch eine globalisierte Arbeitsteilung ein Artikel möglichst billig produziert werden kann. Diese kurzsichtige Kostenfixierung erweist sich zunehmend als eine Falle. Im Bereich der Medizin überrascht uns eine Verknappung von Medikamenten, weil deren Vorprodukte aus Asien nicht mehr in der gewohnten Verlässlichkeit Europa erreichen. Eine deutsche Automarke konnte über Monate ein Modell nicht ausliefern, weil die in Vietnam produzierten Komponenten für das Schloss des Kofferraums ausblieben.

Am schwersten hat diese Kostenfalle bei Erdgas zugeschlagen, weil der bisherige Billiglieferant Russland mit diesem Energieträger ein Machtinstrument gezogen hat. Nur mit großen Mühen und bisher unvorstellbaren Preiserhöhungen wird in diesem Winter die Versorgung mit Erdgas und den damit bereitgestellten Mengen von Elektrizität und Wärme zu bewältigen sein. Für den nächsten Winter könnte die Situation aber noch kritischer werden, falls Russland seine Gaslieferungen völlig stoppt. Die nächste wirtschaftliche Waffe wird überraschenderweise von den USA in Stellung gebracht. Mit dem sogenannten Inflation Reduction Act setzen die USA für die Transformation zu einer resilienteren Wirtschaft Anreize, die zu einem internationalen Subventions-Krieg ausarten könnten.

Kann sich Europa aus diesen bedrohenden Mühlsteinen zwischen Russland und den USA befreien? Noch dominiert auch in Österreich die Kurzsichtigkeit der Kostenminimierung, erkennbar in den großzügigen Gießkannen-Aktivitäten zur Bewältigung der Preisschocks bei Energie. Paradoxerweise wird dadurch für viele Haushalte die nächste Rechnung für Elektrizität billiger sein als die vorangegangenen, ohne damit aber der nächsten Kostenfalle auszuweichen. Trotz einer extremen Krisensituation ist der dominierende Kurs der Politik somit weiter der beharrende Blindflug. Oder die als Kontrast zu Leopold Kohr fast zeitgleich entstandene Wahrnehmung von Helmut Qualtinger: "I hob zwoar ka Ohnung, wo i hinfoahr, aber dafür bin i gschwinder duat."