Gerade läuft ein sehr spannendes Verkehrsexperiment in Echtzeit. Die Forschungsfrage lautet: Wie teuer müssen die Spritpreise sein, um das Mobilitätsverhalten der österreichischen Autofahrerinnen und Autofahrer wirklich zu verändern? Ein Liter Sprit müsste 4 Euro kosten, um die Verkehrsemissionen bis 2030 deutlich zu reduzieren, befand im Jahr 2020 der ÖAMTC in einer Studie. Aktuell sind wir bei nicht einmal 2 Euro, und schon haben neun von zehn Autofahrerinnen und Autofahrern ihr Mobilitätsverhalten verändert, wie aus einer repräsentativen Umfrage von Market aus dem heurigen Oktober für den Verkehrsclub Österreich (VCÖ) hervorgeht. Hilft die Inflation also mit, CO2-Emissionen zu reduzieren?

Farhad Shikhaliyev ist Mobilitätsexperte und der österreichische Country Manager der Mobilitätsplattform Bolt. - © Bolt
Farhad Shikhaliyev ist Mobilitätsexperte und der österreichische Country Manager der Mobilitätsplattform Bolt. - © Bolt

Zumindest lassen immer mehr Menschen ihr Auto wegen der Teuerung stehen. Laut Market-Umfrage nutzen jetzt 61 Prozent der Autofahrerinnen und Autofahrer vermehrt andere Mobilitätsformen. Sie gehen mehr zu Fuß, fahren häufiger mit dem Fahrrad, den öffentlichen Verkehrsmitteln oder nutzen öfter geteilte Mobilität. 20 Prozent versuchen, durch Homeoffice Wege zu vermeiden. Fast die Hälfte der Autofahrerinnen und Autofahrer bewegen sich nun spritsparender von A nach B.

Was nach einem Verzicht klingt, birgt unerwartete Vorteile in Sachen Gesundheit und Lebenszufriedenheit. Menschen, die täglich mehrere Minuten zu Fuß gehen, berichten mit 33 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit von einer besseren psychischen Gesundheit, wie die Studie "Cities Alive: Towards a walking world" des Architekturbüros Arup herausfand. Für über 60-Jährige kann ein 15-minütiger Spaziergang pro Tag sogar das Sterberisiko um 22 Prozent senken. Klar, für ein Viertel der Befragten, die die Nutzung ihres Autos aus Kostengründen einschränken, geht es nicht um die Gesundheit, sondern meist um das Zurücklegen alltäglicher Wege.

Die Auswirkungen der Inflation auf die Reduktion von Österreichs Emissionen sind jedenfalls nicht zu gering einzuschätzen. Die Inflation könnte heuer gar die klimapolitisch wirkungsvollste Maßnahme werden. Denn vor allem im Straßenverkehr, wo ein Viertel der globalen Treibhausgasemissionen entsteht, war die heimische Klimapolitik bisher wenig erfolgreich, wie eine internationale Studie des Fachblatts "Nature Energy" bescheinigt. Während es einigen anderen EU-Ländern im Vergleichszeitraum von 1995 bis 2018 gelungen ist, im Verkehr Emissionsreduktionen von 8 bis sogar 26 Prozent zu erzielen, hat Österreich im Studienzeitraum keine einzige wirkungsvolle Maßnahme im Verkehrsbereich umgesetzt.

Dabei wurden hierzulande durchaus Maßnahmen gesetzt, wie die Lkw-Maut oder die Besteuerung von Treibstoff. Doch was in anderen Ländern zum Erfolg führte, blieb in Österreich ohne den gewünschten Effekt. Eine Lkw-Maut bei einem im Europavergleich relativ niedrigen Dieselpreis einzuführen, wirkte sich etwa nicht auf die Emissionen aus. Wie die Best-Practice-Beispiele der Studie aus "Nature Energy" zeigen, ist nicht nur entscheidend, Anreize für den Kauf von emissionsfreien oder -ärmeren Fahrzeugen zu setzen und Verbrennerfahrzeuge höher zu besteuern, sondern vor allem, attraktive Alternativen zu bieten. Sei es durch öffentliche Verkehrsmittel oder geteilte Mobilitätsangebote. Ohne diese Alternativen gibt es keinen Lenkungseffekt.