Am 24. Februar hat die Russische Föderation die Ukraine angegriffen. Am Morgen dieses Tages fand noch eine Online-Konferenz an der griechisch-katholischen Universität in Lemberg statt. Peter McCormic vom Philosophischen Institut in Paris sagte in seinem Beitrag den Satz: "Wir leben in einer schwankenden Welt."

Dieser Gedanke ließ mich nicht los: Wie geht es den Menschen in dieser Situation? Und welche Rolle können die Religionen dabei spielen, die enormen Herausforderungen der Menschheit zu meistern? Ich wollte einen Aufruf formulieren, um möglichst viele Menschen, vor allem die Verantwortlichen in der Politik wie in den Religionsgemeinschaften, aufzurütteln. Annette Schavan, ehemalige deutsche Ministerin und Botschafterin für ihr Land im Vatikan, beteiligte sich ebenso wie Tomas Halik aus Prag, den aus den Zeiten der Untergrundkirche in der kommunistischen Tschechoslowakei kenne. Er ist Soziologe, Theologe und wie auch ich Priester und als Templeton-Preisträger bekannt.

Paul M. Zulehner ist Theologe und katholischer Priester. Der Religionssoziologe und emeritierte Universitätsprofessor forscht mit eigenen Umfragen zu brennenden Themen der Weltkirche (www.zulehner.org). - © Erzdiözese Wien
Paul M. Zulehner ist Theologe und katholischer Priester. Der Religionssoziologe und emeritierte Universitätsprofessor forscht mit eigenen Umfragen zu brennenden Themen der Weltkirche (www.zulehner.org). - © Erzdiözese Wien

Es war Haliks Idee, diesen Aufruf anlässlich des "Siebenten Kongresses der Führer der Weltreligionen und der traditionellen Religionen" in Kasachstan vom 14. bis 16. September zu veröffentlichen. Er liegt in neun Sprachen vor. Wir konnten gemeinsam prominente Erstunterzeichnende sowohl aus aller Welt also auch aus Politik und Religionen gewinnen. Nach und nach kamen weitere gewichtige Unterzeichnende dazu. In einer Petition konnten Interessierte den Aufruf unterstützen.

Unter der Überschrift "Eine taumelnde Welt" werden eingangs die enormen Herausforderungen der Menschheit von heute aufgezählt. Wörtlich heißt es da:

In vielen Teilen der Welt werden barbarische Kriege geführt; die Bedrohung durch einen ABC-Overkill und atomare GAUs in Kriegsgebieten ist akut.

Das sensible Klimasystem hat viele Kipppunkte erreicht; werden diese überschritten, ist der Lebensraum Erde bedroht.

Kriege, Hoffnungslosigkeit aus Armut und Klimakatastrophen haben schon mehr als 100 Millionen Menschen in die Flucht getrieben; die politischen Spannungen in den Aufnahmeländern nehmen zu.

In reichen Ländern ist eine Informatisierung in Gang gekommen, die das soziale Gefüge ähnlich verändert wie die Industrialisierung.

Die Pandemie hat diese Vorgänge überlagert und in den Hintergrund gedrängt. Inzwischen haben sie die Politik erreicht.

Untereinander verwobene Herausforderungen

Die Fachwelt ist sich darüber einig, dass jede einzelne Herausforderung für sich schon gewaltig ist. Weil sie aber untereinander verwoben sind, steigern sich Bedrohlichkeit und Dringlichkeit. Es fällt sodann der Blick auf die Menschen und was diese Weltlage mit ihnen macht. Plakativ heißt es dazu in der Überschrift zum zweiten Punkt des Aufrufs: "Viele Menschen sind verunsichert, Angst macht sich breit."

Dieser Befund wird anschaulich so entfaltet: Viele Menschen spüren diese bedrohlichen Entwicklungen immer mehr in ihrem Alltagsleben. In Europa brennen Wälder. Flüsse haben noch nie dagewesenes Niedrigwasser. Andernorts kommt es zu Überschwemmungen. Weil Mais und Weizen aus der Ukraine nicht unbehindert verschifft werden können, wird der Hunger in vielen Teilen der Welt verschärft. Weltweit steigen die Energiepreise. Die Lebenskosten werden selbst in reichen Ländern für die Schwächeren unerschwinglich. Solche Erfahrungen verunsichern die Menschen. Sie machen Angst. Angst aber entsolidarisiert, schafft eine Atmosphäre wachsender Rivalität.

Es folgt dann die wichtige Passage über den Missbrauch der Angst durch eine Politik mit der Angst beziehungsweise eine Religion, die Angst macht. Einige politische Populisten und religiöse Fundamentalisten nutzen Angst, Lügen und Gier, um die Kluft zwischen Nationen, Kulturen und Religionen zu vergrößern, Hass und Gewalt zu schüren, Nationalismus (nationalen Egoismus) und Fremdenfeindlichkeit zu verbreiten.

"Ausschau nach Hoffnungsressourcen"

Die folgenden beiden Punkte des Aufrufs bilden die Brücke von der Weltlage und der sich verbreitenden depressiven Grundstimmung in vielen Kulturen hin zur Rolle der Religionen. Den Ausgangspunkt bildet, wie es in der Überschrift zum dritten Punkt heißt, die "Ausschau nach Hoffnungsressourcen", der wir, die Initiatoren und Unterzeichnenden des Aufrufs, uns anschließen. In dieser Weltlage halten wir mit vielen Menschen guten Willens Ausschau nach Kräften, die helfen, in der Angst zu bestehen und couragiert die Herausforderungen anzunehmen.

Das gelingt nicht durch Versprechen von Sicherheit. Allein Vertrauen ermutigt dazu, Hoffnung zu finden und tätig zu werden. Je bedrängender die Weltlage ist, umso mehr Hoffnung braucht die Welt. Nur aus ihr heraus verlieren die Verantwortlichen und die Bevölkerungen nicht die Zuversicht, dass sich die großen Herausforderungen meistern lassen. Das ist der Kernsatz in dieser Passage: Je bedrängender die Weltlage ist, umso mehr Hoffnung braucht die Welt.

Sodann bringt der Aufruf in Erinnerung, dass die Religionen im Lauf der Menschheitsgeschichte immer Quellen der Hoffnung und der Kraft waren, um Angst, Egoismus und Resignation zu überwinden. Sie sind eine Inspiration für ein universell-solidarisches Leben. Die große Sehnsucht nach einer geeinten Menschheit in Gerechtigkeit und Frieden, für die die Religionen stehen und sich einsetzen, hat nichts an Kraft verloren und motiviert gerade in dieser fragilen Zeit immer mehr Menschen.

Das ist zunächst wie wohlklingende Hoffnungsmusik. Aber in diesen hellen Ton der Zuversicht mischt sich als dunkle Melodie die Feststellung, so im Titel des fünften Punktes, dass "Religionen oft Teil des Problems, nicht der Lösung" sind. Das geben selbst viele Gläubige - darunter auch Papst Franziskus - schmerzlich zu. Illustriert wird dies an Beispielen. Man muss also auch auf die dunklen Seiten der christlichen Kirchen, des Islam und speziell der russisch-orthodoxen Kirche, die im Angriffskrieg gegen die Ukraine eine tragische Rolle spielt, schauen. Zu oft wurde Gott mit Gewalt verbunden und auf diese Weise in Misskredit gebracht - und die Gottesanwälte in den Religionsgemeinschaften mit ihnen.

Kirchen und Islam verlieren an Vertrauen

Die christlichen Kirchen in Europa verlieren aus einer Reihe von schwerwiegenden Gründen an Vertrauen. Sie sind oft zu sehr nach innen gerichtet, also "krank", wie Papst Franziskus diagnostiziert hat. Auch der Islam steckt weltweit in einer tiefen Vertrauenskrise. Die Allianz zwischen Religion und Gewalt hat schon dem Christentum in Europa schwer geschadet. Religiös begründete terroristische Gewalt bedroht die Glaubwürdigkeit der weltweiten muslimischen Gemeinschaft. Viele irritiert mit Recht auch die Allianz zwischen den kriegsführenden russischen Politikern und dem russisch-orthodoxen Patriarchen.

Diese unleugbare Ambivalenz von Religionen ist aber nicht nur für diese schädlich, sondern - was noch bitterer ist - auch für die Menschheit. So fordert der sechste Punkt eine "Erneuerung der Religionsgemeinschaften um der Welt willen". Dennoch gibt es in den Religionen der Welt starke Kräfte, die diese tragische Verbindung von Gott und Gewalt ablehnen und überwinden wollen. Sie sollen sich in ihrem politischen Einsatz für die Welt an ihren prophetischen Quellen und nicht an den Interessen der Mächtigen orientieren. Wahre Religion verwandelt Gewalt in (universelle) Liebe. In ihr wurzeln Würde, Gleichheit, Freiheit, Gerechtigkeit und Frieden mit allen Menschen und mit der Natur.

In dieser ernsten Zeit sei dringend daran erinnert, dass alle Religionsgemeinschaften eine kritische Selbstreflexion und Bemühungen um Selbstvertiefung und Erneuerung brauchen, um ihre oft zu Recht verlorene Glaubwürdigkeit und moralische Autorität wiederzuerlangen. Die innere Reform und das theologische Gedächtnis der Geschichte sind Teil der Hoffnung, die wir brauchen. Wenn die Religionsgemeinschaften Instrumente der Versöhnung und des Friedens sein sollen, müssen sie gerade jetzt alle Erscheinungsformen gegenseitiger Rivalität überwinden und sich um eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung und des Respekts bemühen.

Sie brauchen den Mut und die Demut zur "Selbsttranszendenz", also von sich abzusehen, sowie zur Überwindung ihres "kollektiven Narzissmus", um nicht nur ihre institutionellen und ideologischen Interessen zu verfolgen, sondern ihre Mitverantwortung für unsere gemeinsame Welt wahrzunehmen.

Alle Menschen guten Willens sollten zusammenarbeiten

Der siebente Punkt des Aufrufs bildet einen Abgesang: Die große Weltkrise muss nicht einem Todeskampf gleichen, sondern sie könnte auch den Geburtswehen für eine gute Zukunft der Menschheit sein. Dazu sollten alle Religionen zusammenarbeiten, wie es das Zweite Vatikanische Konzil mit Blick auf die jüdische Religionsgemeinschaft oder Papst Franziskus mit Blick auf den Islam dringlich wünschen. Aber nicht nur die Religionen sollen sich um der Welt willen zusammentun, sondern alle Menschen guten Willens.

Papst Franziskus ist es - im Einklang mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil - ein großes Anliegen, dass die Religionen und alle Menschen guten Willens zum Wohle der Welt zusammenarbeiten. In dem Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt erinnert er zusammen mit dem großen Imam Ahmad Al-Tayyeb daran, dass Gott "alle Menschen mit gleichen Rechten, gleichen Pflichten und gleicher Würde erschaffen und sie aufgerufen hat, als Brüder und Schwestern zusammenzuleben".

Religionen schüren die Hoffnung, dass aus den gegenwärtigen Herausforderungen, die unsere Welt taumeln lassen, eine neue hervorgehen könnte, in der Völker in Gerechtigkeit und Frieden in Harmonie mit der Natur leben. Die Abschlusserklärung des "Siebenten Kongresses der Führer der Weltreligionen und der traditionellen Religionen" in Kasachstan deckt sich mit den Anliegen des Aufrufs. Das macht Hoffnung.