Bauten der EU werden oft als ungeeignet, unrepräsentativ und unkünstlerisch wahrgenommen. Nichtsdestoweniger spiegeln sich in diesen Architekturen durchaus auch hohen Ideale der europäischen Staatengemeinschaft wider, aber eben auch ihre Verfasstheit. Der Wettbewerb um das neue Parlamentsgebäude in Brüssel ist eine neue Chance.

Zu den offiziellen Symbolen der EU zählen Hymne, Flagge und das Motto "In Vielfalt vereint", aber kein einziges Gebäude. Dies ist insofern erstaunlich, als Architekturen seit der Antike zugetraut wird, ihnen innewohnende oder zugeschriebene politische Ideale und herrschaftliche Machtansprüche zu repräsentieren. Durch ihre Schönheit oder Monumentalität können Gebäude einschüchternd und identifikationsstiftend wirken. Die Europäischen Gemeinschaften und später die Union scheinen von dieser erprobten Strategie jedoch wenig Gebrauch zu machen.

Julia Rüdiger ist Assistenzprofessorin für Kunst- und Architekturgeschichte an der Katholischen Privat-Universität Linz. Sie forscht zu Strategien der politischen Repräsentation in Architektur und Denkmal im langen 20. Jahrhundert. - © KU Linz
Julia Rüdiger ist Assistenzprofessorin für Kunst- und Architekturgeschichte an der Katholischen Privat-Universität Linz. Sie forscht zu Strategien der politischen Repräsentation in Architektur und Denkmal im langen 20. Jahrhundert. - © KU Linz

Als Grund für das identitätspolitische Scheitern in Form unambitionierter oder identifikationsloser Entwürfe galt bisher die Tatsache, dass besonders die frühen Bauten nicht von den europäischen Organisationen selbst, sondern von den jeweiligen Staaten oder Städten in Auftrag gegeben worden waren. Doch auch den offiziellen identitätspolitischen Instrumenten wie Flagge, Hymne und Motto attestiert der österreichische Historiker Wolfgang Schmale in seinem Buch "Geschichte und Zukunft der europäischen Identität" keinerlei durchschlagenden Erfolg. Kann so viel identitätspolitisches Scheitern Zufall sein?

Brüssels Buhlen um den Hauptsitz

Ein Modell des Unesco-Gebäudes in Paris. - © CC BY-SA 4.0 / Rodelar
Ein Modell des Unesco-Gebäudes in Paris. - © CC BY-SA 4.0 / Rodelar

Mit der Gründung der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und der Europäischen Atomgemeinschaft (Euratom) entstanden auf einen Schlag zahlreiche überstaatliche Verwaltungseinheiten und damit akuter Raumbedarf. Offen blieb in den Gründungsverträgen von 1957 die Entscheidung über den (Haupt-)
Sitz dieser Organisationen. Eine der Städte, die sich darum bewarben, war Brüssel. Als Argumente für ihre Weltoffenheit und Modernität brachte Belgiens Hauptstadt nicht nur die bereits bestehende Vielsprachigkeit ins Treffen, sondern buhlte auch mit der Weltausstellung von 1958, ihren Bemühungen um eine autogerechte, als modern wahrgenommene Urbanistik und verschiedenen Neubauten für die EWG um den Zuschlag.

Brüssel stand also unter Zugzwang, den neuen supranationalen Organisationen geeignete repräsentative und funktionale Unterkünfte zur Verfügung zu stellen. Dementsprechend ist das Gebäude, das die belgischen Architekten Lucien de Vestel, Jean Gilson sowie André und Jean Pollak im Auftrag des belgischen Außenministeriums für die Kommission der EWG entwarfen, als architekturgewordenes Buhlen um den Hauptsitz zu verstehen.

Dreizehngeschoßig erhebt sich das sogenannte Berlaymont-Gebäude, bis heute Sitz der EU-Kommission, auf einem unregelmäßigen kreuzförmigen Grundriss am Ende der langen Achse vom Stadtzentrum zum Jubelpark. In der zeitgenössischen proeuropäischen Presse als technische und innovative Meisterleistung gefeiert, zeichnete es sich besonders durch die langen Fensterbänder und das scheinbare Schweben über dem Grund aus. Die Architekten bemühten eine Formensprache, die ihnen als jedenfalls international, besser noch supranational etabliert schien. Was jedoch galt in den späten 1950ern und frühen 1960ern als international?

Symbole für die "friedlichen Ideale des 20. Jahrhunderts"

Die Suche nach einer Architektur, deren Harmonie der Formen dazu berufen scheint, "die friedlichen Ideale des 20. Jahrhunderts zu symbolisieren" (Einleitung des Wettbewerbstextes 1926), begann spätestens mit der Planung des Völkerbundpalasts in Genf. Wenn hier auch letztlich ein neoklassizistischer Kompromiss gewählt wurde, prägten die Wettbewerbseinreichungen die Architektursprache, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Vereinten Nationen als internationale Formen angemessen erscheinen sollte.

Statt wuchtiger Pfeiler, monumentaler Symmetrie und überhöhter Mitte - alles Kennzeichen herrschaftlicher Architektur - setzten die Architekten der Bauten für das UN-Hauptquartier in New York (im Endentwurf von Oscar Niemeyer und Le Corbusier) und das Unesco-Gebäude in Paris (von Pier Luigi Nervi, Bernard Zehrfuss und Marcel Breuer) auf jene Prinzipien, die als modern und insbesondere international propagiert wurden: Als "International Style" wurde jene Ausformung der modernen Architektur seit den 1930ern bezeichnet, die darauf basierte, Raum zwanglos, ornamentlos und asymmetrisch zu gestalten und gleichzeitig modulare Funktionalität zu bieten.

Das Unesco- und das Berlaymont-Gebäude ähneln sich daher in ihrer ausschwingenden Raumgestaltung als drei- beziehungsweise vierarmige, unregelmäßige Sterne, deren breit durchfensterte Baukörper - aufgesetzt auf Pilotis - scheinbar schweben. Auf eben diese Vorstellung internationaler Moderne rekurrierte der italienische EWG-Kommissar Lionello Levi Sandri, als er im März 1965 dieses Gebäude in einem Memorandum an sämtliche Kommissare sowie Generaldirektoren der EWG als "conception très moderne" anpries. In Anlehnung an das Pariser Unesco-Gebäude traf das Berlaymont-Gebäude als Vorschlag des belgischen Außenministeriums die zeitgenössischen Vorstellungen internationaler Architektur und somit den Repräsentationswillen der EWG.

Max Webers Rationalismus als Leitlinie

Der dem Internationalen Stil inhärent zugeschriebene Rationalismus bediente gleichzeitig eine weitere - eurozentristische - Selbstbespiegelung Europas im weiteren Verlauf des 20. Jahrhunderts. Der Soziologe Max Weber prägte den modernen okzidentalen Rationalismus als Voraussetzung für eine legitime, vernunftbasierte und damit letztlich friedvolle Herrschaftsform. Eckpfeiler des modernen und friedvollen Staats sind Weber zufolge eine rationale Verwaltung und ein rationaler Kapitalismus.

Das in den 1990ern als Ratsgebäude errichtete Justus-Lipsius-Gebäude verkörpert in diesem Sinne die völlige Entzauberung von Verwaltung und Kapitalismus: Der Bau erscheint als schwer identifizierbares Hybrid aus Verwaltungsburg und internationalem Konzerngebäude, dessen Europa-Symbolik sich in seiner Form des liegenden E erschöpft. Die architektonische Unentschlossenheit, die das Bauwerk ausstrahlt, spiegelt die Verfasstheit der supranationalen Organisation vor der Unterzeichnung des Vertrags von Maastricht wider: Der langjährige Kommissionspräsident Jacques Delors (1985 bis 1995) bezeichnete sie als "objet politique non identifié" und leitete damit eine reflexive Phase europäischer Identitätspolitik ein.

Architektur, die keine Meistererzählung sein will

Im Gegensatz zu nationalstaatlichen Narrativen entdeckt der Historiker Schmale in seiner Analyse der europäischen Identitätspolitik keinen Wunsch zur triumphalen Meistererzählung. Denn die zu vereinende Vielfalt europäischer Länder und Regionen erlaubt keine Meistererzählung der einen europäischen Geschichte, der einen europäischen Kultur und eben auch nicht der einen herrschaftlichen Architektur. Darum skizzierte der Architekt Philippe Samyn das neue Ratsgebäude, das 2017 eröffnete Europa-Gebäude, auf Grundlage des Mottos "In Vielfalt vereint". Als äußerste Hülle umfangen mehr als 3.700 Eichenholzfensterrahmen einen Raum, der als Pressefoyer genutzt wird. Die Holzrahmen, gesammelt aus Abbruchhäusern aller damals 28 Mitgliedstaaten der Europäischen Union, sollen die Geschichte eines Netzwerks erzählen, innerhalb dessen sich unterschiedlichste Formen und Beschaffenheiten zu einem neuen, größeren Ganzen zusammenfügen.

Die dem Rationalismus geschuldete Entzauberung weicht hier dem Versuch einer emotionalisierten Wiederverzauberung der Architektur. Möglicherweise Verlorenes aus den einzelnen Regionen Europas sollte sich hier zum durchscheinenden Bild des EU-Ministerrats und des Gremiums der Staats- und Regierungschefs der EU vereinigen. Das Europa-Gebäude reagiert damit nicht nur an der Fassade auf zu geringe Identifizierungsangebote der EU, sondern mit bunten Farbfeldteppichen und -plafonds auch innerlich auf den Vorwurf, das Brüsseler Europa-Viertel sei zu grau.

Der ursprüngliche Entwurf sah zusätzlich auch eine urbane Belebung der Zone zwischen Kommissions- und Ratsgebäude vor. Dieser Versuch, die "Brüsselisierung" und die massive Gentrifizierung durch öffentlich nutzbaren Raum zu bremsen, wurde nicht umgesetzt. So wird inzwischen auch das Europa-Gebäude schlicht als weiterer Baustein im Tal der Eurokraten gesehen.

Neues EU-Parlament als neue Chance

Eine neue Chance, einen urbanistischen Fortschritt zu erzielen, bot der Wettbewerb zur Neugestaltung des EU-Parlaments in Brüssel. Hier waren - neben Funktionalität und Identifikationsangeboten für Abgeordnete und Bevölkerung - Konzepte zur Einbindung ins urbanistische, natürliche und soziale Gefüge gefordert.

Während die Einreichung auf Platz drei vom französischen Büro Moreau Kusonoki und jene auf Platz zwei vom österreichischen Büro Jabornegg & Palffy auf große, kantige Landmarkprojekte setzen, hält das Gewinnerprojekt des dänischen Büros JDS an der elliptischen Form des bisherigen Parlaments fest. Statt der postmodernen kolossalen Stützen an der Fassade und der gewaltigen Quertonne wird die Glasfassade mit einer Gitterstruktur überzogen, die oben Platz machen soll für eine tatsächliche Dachlandschaft, nämlich einen öffentlichen Park auf dem Dach. Insgesamt soll die Öffentlichkeit durch eine breite Passage vom Leopold-Park zur Rue du Luxembourg sowie großzügige Besucherräume strukturell besser eingebunden werden.

Es bleibt die Hoffnung, dass die Stadt Brüssel und die EU die Chance nutzen, mit der Neugestaltung des EU-Parlaments das Europa-Viertel auch als lebendigen Ort des Verweilens und Teilhabens zu gestalten.