Wladimir Putins politisches Vermächtnis hätte das Wiedererstarken Russlands als innenpolitisch stabile sowie regional dominierende und global respektierte Großmacht sein sollen - retrospektiv betrachtet wird Putins politisches Erbe aber als der endgültige, sang- und klanglose Untergang imperialer Bestrebungen Russlands sowie der Beginn und die eigentliche Initialzündung einer längeren Periode innerer Destabilisierung Russlands mit aktuell kaum absehbaren Folgen in die Geschichtsbücher eingehen.

Alexander Dubowy ist Forscher im Bereich Internationaler Beziehungen und Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und GUS-Raum. 
- © Prokofief

Alexander Dubowy ist Forscher im Bereich Internationaler Beziehungen und Sicherheitspolitik mit Schwerpunkt auf Osteuropa, Russland und GUS-Raum.

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Unabhängig vom weiteren Verlauf des Ukraine-Krieges ist der imperiale Traum Russlands von der Einigung der "Russischen Welt" ausgeträumt. Putin trat zwar als später Geburtshelfer der "Russischen Welt" auf, stellte sich jedoch als ihr endgültiger Sargträger heraus. Das letzte imperiale Aufbäumen des letzten europäischen Imperiums zerbarst in tausend Splitter, doch der lange Abgesang wird noch eine Zeitlang nicht verklingen.

- © afp / Sputnik / Denis Sinyakov
© afp / Sputnik / Denis Sinyakov

Den Weg in den Abgrund der kommenden Systemkrise hat Putin eigenhändig geebnet. Mehr als zwei Jahrzehnte lang galt die Idee der Stabilität für Putins Russland als oberstes - um jeden Preis zu verteidigendes - Gut, ja, als das zentrale identitätsstiftende Element: das Fundament des modernen russischen Staates. Dieses mühselig aufgerichtete und unverrückbar scheinende Fundament der innenpolitischen (sowie auch der außen- und regionalpolitischen) Rechtfertigung von Putins Machtsystem hat die russische Führung bei vollem Bewusstsein und ohne Not abgetragen.

Die internationalen Sanktionen dürften über die kommenden Monate dazu führen, dass die allerletzten Reste der einstigen sozialen Stabilität in den Untiefen der Erinnerung verschwinden. Putin hat mit seiner - vom objektiven Standpunkt kaum als rational zu betrachtenden - Entscheidung, die Ukraine zu überfallen, die Chance endgültig verspielt, als einer der zentralen Herrscher Russlands in die Annalen der Geschichte seines Landes einzugehen.

Freilich wird er nach mehr als 20 Jahren im Zenit der Macht in den Geschichtsbüchern einen Platz finden. Doch angesichts der von ihm verschuldeten auf Russland mit bedrohlich-unentrinnbarer Schärfe heranrückenden wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche könnten sich letzten Endes die Worte Alexej Nawalny bei dessen kafkaesk inszeniertem Gerichtsprozess im Februar 2021 als geradezu prophetisch erweisen: Anstatt, seinem Traum folgend, als Wladimir der Große gefeiert zu werden, werden künftige Generationen an ihn als Wladimir den Unterhosenvergifter denken (im August 2020 wurde Nawalny bekanntlich mit Nowitschok auf der Innenseite seiner Unterhose vergiftet).

Selbstverständnis als Großmacht

Bei aller berechtigten Kritik an Putin sollte dennoch keinesfalls übersehen werden, dass er zwar die Schlüsselperson, jedoch nicht der einzige außenpolitische Akteur Russlands ist. Im Selbstverständnis russischer Eliten kann das Land ausschließlich als Großmacht existieren. Hierin ist es Schrödingers Katze nicht unähnlich: Denn sollte die Frage nach Sinn und Existenz des Großmachtstatus einmal tatsächlich gestellt werden, ist es das Ende Russlands, wie wir es kennen. Das Warten darauf dürfte allerdings kurz- bis mittelfristig vergebens sein.

Schließlich sollte nicht übersehen werden, dass sich der Elitenkonsens hinsichtlich außenpolitischer Zielsetzungen sowie des Großmachtstatus Russlands bereits gegen Ende der Amtszeit des ersten russischen Präsidenten Boris Jelzin zu formieren begann, in der Ära Putins endgültig gefestigt hat und auch diesen überdauern dürfte.

Doch selbst ein - aus heutiger Sicht nicht absehbares - zeitnahes Ende der Ära Putins wird keine unmittelbare Antwort auf die unentrinnbare Schärfe der Gretchenfrage nach den politischen Zukunftsmodellen in Bezug auf die russisch-ukrainischen Beziehungen, nach einem neuen Modus Vivendi für das Verhältnis zur EU sowie letztlich nach der Zukunft Russlands liefern und für zahlreiche weitere Bruchlinien sowohl innerhalb russischer Eliten- und Bürokratiekreise als auch in der Bevölkerung sorgen.

Die innerelitären Konflikte, die systeminhärenten Zwänge sowie das zwanghafte Festhalten am Großmachtstatus machen nicht nur eine demokratisch legitimierte und geordnet ablaufende Machtübergabe so gut wie unmöglich, sondern bilden vielmehr eine unentrinnbare Garantie für die kommende tiefe Systemkrise mit ungewissem Ausgang nicht nur für Russland, sondern für ganz Europa.

Das Gespenst des Kalten Krieges geht um in Europa

Denn für ganz Europa sind die Folgen des letzten imperialen Aufbäumens Russlands zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur in Ansätzen abzuschätzen. Nach Ansicht des Politologen Ivan Krastev führt Putins aggressive Expansionspolitik nicht bloß zu einer Verschiebung bestehender Grenzen in Europa. Sein verblendeter Imperialismus erzwingt auch eine grundlegende Veränderung des Konzeptes der Grenze zwischen dem Westen und Russland. Diese Veränderung bedeutet die Rückkehr in die dunkelsten Stunden europäischer Geschichte der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wird mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit für Jahrzehnte nachwirken. Das sind wahrlich keine guten Nachrichten, weder für Russland noch für Europa.