Es gibt unterschiedliche Hypothesen dazu, ob und welche Auswirkungen zunehmende Digitalisierung auf geschlechterbezogenen Differenzierungen in der Ausbildungs- und Arbeitswelt hat beziehungsweise haben wird. Die Bandbreite reicht dabei von zunehmender Einebnung tradierter Geschlechterrollen über deren Reproduktion bis hin zur Verstärkung. Für die dominante Entwicklungsrichtung sind unter anderem sogenannte Geschlechterstereotype entscheidend. Damit ist gemeint, dass Interessen und Fähigkeiten beziehungsweise Tätigkeiten und Berufe als typisch "weiblich" oder typisch "männlich" aufgefasst und zugeschrieben werden. Ob und inwiefern dies im Zusammenhang mit der Digitalisierung der Fall ist, haben wir im Forschungsprojekt "DigiTyps" untersucht.

Nadja Bergmann ist Leiterin der L&R Sozialforschung in Wien. - © L&R Sozialforschung / Nurith Wagner-Strauss
Nadja Bergmann ist Leiterin der L&R Sozialforschung in Wien. - © L&R Sozialforschung / Nurith Wagner-Strauss

Dazu haben wir mehrere Befragungen zu den Wahrnehmungen von Geschlechterrollen in der Arbeitswelt durchgeführt. Die Ergebnisse sind deutlich: Beschäftigte aus unterschiedlichen Branchen gehen überwiegend zunächst davon aus, dass Digitalisierung zu umfassenden Veränderungen von Arbeitsinhalten und -abläufen führen wird. Den sozial-kommunikativen Kompetenzen wird dabei jedoch eine noch größere Rolle zugeschrieben als den technischen Kenntnissen. Diese werden, traditionellen Geschlechterstereotypen entsprechend, eher bei Frauen verortet, während Männern Kompetenzen bei Technik und IKT zugeschrieben werden. Zugleich beschränkt sich die Rolle von Frauen häufiger auf die Nutzung neuer Technologien, während Entwicklung, Wartung und Schulung stärker eine Männerdomäne sind. Eine Befragung unter "Digital Natives", also Jugendlichen, verfestigt diese Eindrücke. Auch hier werden Interessen, Kompetenzen und Eigenschaften häufig verallgemeinernd einem Geschlecht zugeordnet, die Berufsvorstellungen und -wünsche spiegeln ebenfalls die aktuell dominanten Geschlechterrollen am Arbeitsmarkt wider. So wird der Umgang mit Sozialen Medien eher Frauen zugeschrieben, das Programmieren eher Männern. Auch bei der Befragung von Berufs- und Bildungsberaterinnen und -beratern nach ihren Wahrnehmungen zeigt sich, dass traditionelle Geschlechterrollen die Berufswahl junger Menschen nach wie vor substanziell beeinflussen. Berufs- und Bildungsberaterinnen und -berater sind in ihrer Arbeit zwar durchaus reflektiert, aber auch nicht frei von (unbewussten) Stereotypen. Denn auch sie ordnen sozial-digitale Kompetenzen verallgemeinernd eher (jungen) Frauen zu, technisch-
digitale eher (jungen) Männern.

Marcel Fink ist Senior Researcher am Institut für Höhere Studien. - © IHS / Sascha Harold
Marcel Fink ist Senior Researcher am Institut für Höhere Studien. - © IHS / Sascha Harold

Insgesamt gibt es damit starke Anzeichen dafür, dass tradierte Geschlechterstereotype auch unter den Vorzeichen einer digitalisierten Arbeitswelt wirkungsmächtig bleiben und im Rahmen einer nur graduell modifizierten horizontalen und vertikalen Arbeitsmarktsegregation weiter reproduziert werden. Um diesem Kreislauf entgegenzuwirken, wäre neben anderem eine auf unterschiedlichen Ebenen ansetzende grundlegende Reflexion über die Zuschreibung von Technik und IT als "männlich", und von sozialen Kompetenzen und Sozialen Medien als "weiblich" notwendig.