Aufgrund der (sehr) hohen Erdgaspreise - obwohl diese derzeit sinken, aber noch immer weit über den Preisen vor dem Krieg in der Ukraine beziehungsweise den Spitzen im Jahr 2021 liegen -, der daraus indirekt resultierenden, auch (stark) wettbewerbsbeeinflussenden Kosten für die Elektrizität und der damit zusammenhängenden Auswirkungen auch auf die Industrieproduktion, lohnt es sich, den Produktionsindex des produzierenden Gewerbes zu analysieren.

Alfred Schuch hat bis vor kurzem ein Pipeline-Projekt durchs Kaspische Meer in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission beraten. Davor war er unter anderem für die Österreichische Energieagentur sowie die E-Control tätig, auch auf EU-Ebene, und hat als Abteilungsleiter der Hydrocarbons Unit mitgeholfen, das Sekretariat der Energiegemeinschaft in einem multikulturellen Umfeld zum Laufen zu bringen. 
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Alfred Schuch hat bis vor kurzem ein Pipeline-Projekt durchs Kaspische Meer in Zusammenarbeit mit der EU-Kommission beraten. Davor war er unter anderem für die Österreichische Energieagentur sowie die E-Control tätig, auch auf EU-Ebene, und hat als Abteilungsleiter der Hydrocarbons Unit mitgeholfen, das Sekretariat der Energiegemeinschaft in einem multikulturellen Umfeld zum Laufen zu bringen.

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Zieht man die Daten der deutschen Industrie - und dort die Subsektoren, die etwa 90 Prozent des Industrieerdgasverbrauches darstellen - heran, zeigt sich, dass Deutschland, trotz des bemerkenswert stark gesunkenen relevanten Erdgasverbrauchs der Industrie das Produktionsvolumen relativ hoch halten konnte. Die Subsektoren Chemie sowie, etwas weniger ausgeprägt, Eisen und Stahl stellen Ausnahmen in diesem Trend dar.

Diese Zahlen könnten darauf hindeuten, dass es möglich war und ist, Erdgas - zumindest teilweise - durch andere Brennstoffe zu ersetzen. Diese vorläufige Konklusion wird durch die Konjunkturumfrageergebnisse des deutschen Ifo Institutes bestärkt, wiewohl mit stark ausgeprägten Unterschieden in den relevanten Subsektoren (siehe Grafik).

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Laut ifo Institut setzen 59 Prozent der relevanten deutschen Unternehmen Erdgas für ihre Produktionsprozesse ein. Zwischen April und September 2022 konnten 75 Prozent dieser Firmen Erdgas einsparen, ohne die Produktion drosseln zu müssen - wie bereits erwähnt mit erheblichen Unterschieden zwischen den Branchen.

Noch bemerkenswerter ist, dass knappe 40 Prozent der befragten Unternehmen erklärten, es wäre noch immer Potenzial für weitere Erdgaseinsparungen - ohne Produktionskürzungen - möglich, wiewohl anzumerken ist, dass "low hanging fruits" wahrscheinlich größtenteils bereits "geerntet" wurden. Die Umfrage gibt allerdings keine Einblicke, wie die Industrie die Reduktion des Erdgasverbrauchs bisher bewerkstelligt hat. Somit bleibt unklar, wie diese zusätzlichen Einsparungen bei einer Verschärfung der Situation adaptiert werden könnten.

Nachhaltiger Verbrauchsrückgang?

Es scheint so zu sein, dass einige Sektoren, wie etwa die Ammoniakerzeugung, die Produktion zurückfahren oder vorübergehend schließen mussten, aber die Haupttrends scheinen der Brennstoffwechsel und die Steigerung der Energieeffizienz zu sein. Leider erlauben die vorhandenen Daten keine Differenzierung zwischen Verbrauchsreduktionen, die bei geänderten Rahmenbedingungen schnell wieder rückgängig gemacht werden können, und nachhaltigem Verbrauchsabbau, der nicht mehr umkehrbar ist.

Es scheint wahrscheinlich, dass der Großteil der Verbrauchsrückgänge auf Verbrauchsreduktionen zurückzuführen ist und bei fallenden Erdgas- und Strompreisen - sei es durch Änderungen der Marktrahmenbedingungen (etwa höhere Erdgasmengen aus Russland) oder durch Subventionen - der Verbrauch schnell wieder steigen könnte. Dies passierte auch, als bei fallenden Erdgaspreisen im Oktober die Kunstdüngerindustrie die Produktion in Europa wieder aufnahm. Das bedeutet, dass Regierungen mit der Aufgabe konfrontiert sind, Unterstützungsmaßnahmen so auszulegen, dass einerseits Produktionsschließungen und Unternehmensbankrotte minimiert werden, aber andererseits der Anreiz für Sparmaßnahmen nicht verloren geht oder gar der Verbrauch steigt.

Datenverfügbarkeit versus Datenschutz

Die vorhandenen Daten deuten darauf hin, dass die Industrie bisher die "Hauptquelle" der Verbrauchsflexibilität darstellte und wahrscheinlich weiterhin in naher Zukunft helfen wird, einen zufriedenstellenden Ausgleich zwischen Erdgasangebot und -nachfrage zu finden. Das außergewöhnlich warme Wetter von Anfang Oktober bis Mitte November, aber auch im Zeitraum Mitte Dezember bis in den heurigen Jänner hinein hilft, dass freiwillige Verbrauchsreduktionen - oder noch schlimmer Rationierungen - im Industriebereich nicht erforderlich sein könnten, weil der Raumwärmebedarf in diesen Zeiträumen stark reduziert wurde und - im Zusammenspiel mit hohen Erdgasspeicherständen - derzeit zu sinkenden Erdgasgroßhandelspreisen führt.

Wie bereits erwähnt, ist dafür Sorge zu tragen, dass sinkende Erdgaspreise nicht zu erhöhtem Verbrauch - insbesondere im Raumwärmebereich - führen. Der Beitrag der Haushaltskunden zur Erdgaseinsparung ist essenziell - wie uns Anfang Dezember, als die Außentemperaturen sanken und der Erdgasbedarf scharf stieg, drastisch vor Augen geführt wurde. Um die erforderlichen Mechanismen solide designen und umsetzen zu können, wäre eine robuste Basis der relevanten Daten notwendig und sind diese zu erheben ohne den erforderlichen Datenschutz zu unterminieren.