Fliegen - oder besser gesagt: das Flugzeug an sich - wurde von vielen Umweltschützern als Symbol der Umweltverschmutzung entdeckt. Vollkommen zu Unrecht für jeden, der sich mit den Fakten vertraut macht. Deshalb hier der Versuch, den Mythen und Schauergeschichten über die Luftfahrt die wichtigsten Tatsachen entgegenzusetzen.

Mythos "CO2-Schleuder"

Die gesamte europäische Luftfahrt produziert weniger als 1 Prozent (0,52 Prozent im Jahr 2018) des in Europa ausgestoßenen CO2. Noch einmal in Worten: nullkommazweiundfünfzig Prozent (Quelle: Umweltbundesamt). Würde man also die gesamte europäische Luftfahrt vollständig verbieten, also nicht bloß sogenannte Kurzstreckenflüge, dann würde man in ganz Europa weniger als 1 Prozent CO2 einsparen. Der weltweite Vergleichswert beträgt 2,7 Prozent.

Tillmann Fuchs ist Bereichsleiter Kommunikation der Flughafen Wien AG. - © Flughafen Wien AG
Tillmann Fuchs ist Bereichsleiter Kommunikation der Flughafen Wien AG. - © Flughafen Wien AG

Mythos "Bahnfahren ist umweltfreundlicher
als Fliegen"

Teilweise stimmt das, vor allem im Nah- und Regionalverkehr, den das Flugzeug nicht leisten kann. Betrachtet man aber eine europäische Strecke wie zum Beispiel von München nach Hamburg, sieht die Rechnung anders aus: Das Flugzeug produziert pro transportierten Passagier etwa 100 Kilogramm CO2, die Bahn etwa 114 Kilo und der Pkw etwa 192 Kilo. Das hat im Wesentlichen mit der schlechten Auslastung der Bahn, den vielen Beschleunigungs- und Bremsvorgängen bei sehr hohem Systemgewicht und der gewaltigen Infrastruktur (Trassen, Brücken, Tunnel, Bahnhöfe und so weiter) zu tun und kann kaum optimiert werden.

Diese Infrastruktur und ihre Erhaltung dürfen nicht ausgeblendet werden, wie ein Blick auf das Projekt Koralmtunnel zeigt: Dessen Errichtung alleine produziert so viel CO2 wie die gesamte innerösterreichische Luftfahrt in 60 Jahren, gerechnet auf dem Niveau vor der Corona-Pandemie. Übrigens verdrängt ein einziger Personennachtzug zwei Güterzüge auf die Straße, weil der Nachtzug viel schneller fährt und sich die Güterzüge nicht mehr eintakten lassen.

Mythos "Fliegen wird durch Steuererleichterungen subventioniert"

Tatsächlich wurde in einem internationalen Abkommen, das nach dem Zweiten Weltkrieg geschlossen wurde (um die Luftfahrt erschwinglicher zu machen zwecks Völkerverständigung, ähnlich wie Interrail), eine Befreiung der kommerziellen Luftfahrt von Treibstoffsteuern beschlossen. Da das Fliegen nun wesentlich erschwinglicher ist als damals, könnte man eine Abschaffung dieser Befreiung auch sicher andenken. Um Wettbewerbsverzerrungen zu verhindern, müsste das global gemacht werden.

Viel würde das aber nicht ändern: Treibstoffkosten machen bei einer Airline etwa 30 Prozent der Gesamtkosten aus. Würde man also eine Steuer von zum Beispiel 20 Prozent einführen, dann würden sich die Ticketpreise um etwa 7 Prozent erhöhen. Die Luftfahrt ist deshalb preiswert, weil sie im Gegensatz zu anderen Verkehrssystemen privatwirtschaftlich und international kompatibel organisiert ist, und das ist gut so. Wer möchte schon in einer Welt leben, in der sich nur Reiche das Fliegen leisten können und diese Art der Fortbewegung Pensionisten und kinderreichen Familien verwehrt bleibt?

Es ist auch unrichtig, dass die Luftfahrt durch den Wegfall der Grundsteuer gegenüber der Bahn bevorzugt würde. Auch die Bahn zahlt keine Grundsteuer für ihre Betriebsflächen - mit dem Unterschied, dass sie ein Zigfaches der Flächen der Luftfahrt verbraucht und versiegelt.

Synthetischer Treibstoff für verschiedene Industrien

Es geht aber nicht darum, einzelne Verkehrssysteme gegeneinander auszuspielen. Wir brauchen Lösungen. Um vom fossilen Flugzeugtreibstoff Kerosin (einer saubereren Variante von Diesel) wegzukommen, werden gerade Anlagen zur Produktion von synthetischem Kerosin gebaut. Bei dessen Herstellung wird der Atmosphäre so viel CO2 entzogen, wie bei der späteren Verbrennung wieder ausgestoßen wird. Der ganze Vorgang ist also CO2-neutral.

Was das bringt, wenn die ganze Luftfahrt eh so wenig CO2 emittiert? Weil dann dieser synthetische Treibstoff - jetzt noch dreimal so teuer wie der fossile - durch die hohen Mengen immer billiger wird. Und ist dieser Treibstoff in geschätzten 15 Jahren in großen Mengen zu kleinen Preisen vorhanden, dann kann er auch von anderen Industrien wie etwa der Stahl- oder der Zementindustrie eingesetzt werden. Denn diese Industrien haben einen relevanten Anteil am CO2-Ausstoß und sind ebenfalls auf die hohe Energiedichte solcher Betriebsmittel angewiesen. Und wir alle sind es auf ihre Produkte.

Verzicht und "Zurück in die Wohngrube"-Ansätze haben als Lösungen für die Menschheit noch nie funktioniert. Oder wie es der grüne Oberbürgermeister von Tübingen, Boris Palmer, in seinem Buch formulierte: "Erst die Fakten, dann die Moral."