Was von der Zunft der Wirtschaftsforschung in den vergangenen Jahrzehnten produziert wurde, sei im besten Fall nutzlos gewesen. Das war eine aufsehenerregende Diagnose des amerikanischen Top-Ökonomen Paul Krugman, einem der prominentesten Vertreter dieser wissenschaftlichen Disziplin, zum Zustand gesamtwirtschaftlicher Analysen. Dieses nun schon mehr als zehn Jahre zurückliegende Urteil verleitet zur Vermutung, dass dieser Bestfall nicht eingetreten ist.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Stefan Schleicher ist Professor am Wegener Center für Klima und globalen Wandel an der Karl-Franzens-Universität Graz.

Evidenz dafür liefern viele von der akademischen Forschung für das aktuelle Krisenmanagement von Klimawandel bis zu Kostenexplosionen bei Energie vorgelegten Rezepte, die mit der Etikette naiv oder sogar kontraproduktiv zu versehen wären. Es überrascht deshalb nicht, dass in der Praxis der Wirtschaftspolitik die akademische Wirtschaftsforschung immer weniger Gehör findet. Economics, das Gedankengebäude der mit Wirtschaft beschäftigten Wissenschaft, ist somit selbst in eine Krise geschlittert.

Studierende von Wirtschaftsfächern provozieren mit Aussagen, sie hätten mehr in ihrem Sommerjob in einem Pizzaladen gelernt als in den Vorlesungen der mit viel Mathematik unterlegten Lehrveranstaltungen an der Universität. Es gibt aber zunehmend Initiativen, aus dem Mainstream des ökonomischen Mindsets auszubrechen und Wirtschaft umfassender als das Tun von Egoisten auf Märkten mit simplen Vorstellungen über Angebot und Nachfrage zu verstehen. Unter der Chiffre 2.0 sollen einige Spuren dieser tragfähigeren Inhalte zum Denken und Handeln in der Wirtschaft sichtbar gemacht werden.

Anders als das Mantra von Marktgleichgewichten liefert das Narrativ von Netzwerken, in denen Menschen in unterschiedlichen Rollen agieren, eine realitätsnähere Beschreibung von wirtschaftlichen Vorgängen. Wie ein Haus gebaut wird, wie unsere Gesundheit unterstützt wird, aber auch wie die Frühstückssemmel zustande kommt, wird von Netzwerken bestimmt. Alle für uns relevanten Produkte und Dienstleistung entstehen in Netzwerken, bei denen es laufend Überraschungen gibt.

Das Netzwerk der Energiebereitstellung ist im vergangenen Jahr in einen Krisenmodus gewechselt. Die Netzwerke der klassischen Medien, von den Zeitungen bis zu Rundfunk und Fernsehen, werden durch die Netzwerke der internetbasierten Informationskanäle herausgefordert. Mit den Algorithmen der künstlichen Intelligenz bietet die Software ChatGPT ein Netzwerk für die Aufbereitung von Information an, das von den Bildungseinrichtungen bis zu den Berufsmöglichkeiten das Management und die Kommunikation von Wissen radikal verändern könnte.

Netzwerke verdienen somit permanent hinterfragt zu werden, nicht nur, weil sie für unsichtbare Handshakes und damit verbundene korrupte Vorgänge anfällig sein können. Netzwerke sind hinsichtlich ihrer Größe, ihrer Transparenz und Innovationsfähigkeit, aber auch hinsichtlich ihrer Machtstrukturen einem Monitoring auszusetzen. Von Amazon bis Twitter, von Wohnbaugiganten bis zu kooperativen Wohnprojekten, aber auch von Nobelclubs bis zu den Treffpunkten der Obdachlosen reicht das Spektrum der Netzwerke, denen sich die etablierte Wirtschaftsforschung nicht entziehen soll.