Berichterstattung findet in einer Atmosphäre des "Dämmerlichtes" (Zitat Carl von Clausewitz) statt. Ungewissheiten werden als Gewissheiten wahrgenommen. Es gibt sechs strukturelle Gründe für die Unsicherheit der Berichterstattung im Krieg.

Heinz Gärtner ist Universitätsprofessor für Politikwissenschaft und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des Internationalen Instituts für den Frieden (IIP). Buchtipp: "Die USA, der Iran und das Nuklearabkommen" (Nomos 2022). - © IIP
Heinz Gärtner ist Universitätsprofessor für Politikwissenschaft und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirates des Internationalen Instituts für den Frieden (IIP). Buchtipp: "Die USA, der Iran und das Nuklearabkommen" (Nomos 2022). - © IIP

Erstens ist es unmöglich, einzuschätzen, welchen Widerstand der Gegner leistet. Zumeist wird er unterschätzt und die eigene Stärke überschätzt. Keiner beginnt einen Krieg, wenn der Gegner als überlegen angesehen wird. "Wir werden zu Weihnachten wieder daheim sein", war der Slogan für die Soldaten, die im August 1914 in den Krieg zogen, der weitere vier Jahre dauern sollte. Russland begann den Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 mit einer Truppenstärke von weniger als zweihunderttausend Personen. Im Vergleich dazu stationierten die USA 1991 achthunderttausend Soldaten im vierzigmal kleineren Kuwait, um den Irak aus dem Land zu vertreiben, was als "Powell-Doktrin" (benannt nach General Colin Powell) bekannt wurde. Es gab auch keine signifikante Erhöhung des russischen Militärhaushaltes vor dem Einmarsch. Wie der weitere Kriegsverlauf in der Ukraine zeigte, war das eine völlige Überschätzung der eigenen militärischen Stärke durch Präsident Wladimir Putin. Paradoxerweise wird diese weder von der russischen Propaganda noch von den westlichen Medien in Frage gestellt. Das würde sowohl dem Sieg Russlands als auch dessen "imperialen Absichten" widersprechen.

Wenn sich der erwartete Sieg nicht einstellt, werden zweitens kleinere Gewinne auf dem Schlachtfeld übertrieben und auch geglaubt und sogar als "Vernichtungsakt" dargestellt. Die westlichen Medien sind euphorisch über ukrainische Geländegewinne und überrascht, dass Russland dennoch nicht zurückgeschlagen werden kann. Zur Erklärung von Verlusten werden dann von allen Seiten "Terroristen" und "Radikale" verantwortlich gemacht (Wagner-Gruppe, Asow-Regiment, Nazis usw.).

Wenn sich drittens die Kämpfe verschärfen, setzt ein, was Clausewitz "die Dreifaltigkeit des Krieges" genannt hat: Hass, Feindschaft, Gewalt nehmen zu. Die Berichterstattung vervielfältigt diese Elemente. Töten ist nun keine Schande mehr, sondern eine Tugend. Die Alternative ist nur noch töten oder getötet werden. Man hat keine Wahl.

Viertens schwindet der Wille zu Verhandlungen. Die Verantwortung wird dem Gegner zugeschrieben: Er wolle ja gar nicht verhandeln. Kompromisse werden als Verrat bezeichnet, Waffenstillstände als Trick zur Umgruppierung der Streitkräfte. Es gibt keine Alternative zum Kampf.

Es kommen fünftens weitere Elemente hinzu. Zivile Ziele werden angegriffen, was in diesem Fall von Russland als Propaganda zurückgewiesen wird. Nuklearwaffen werden ins Spiel gebracht, was, obwohl eine reale Gefahr, von der westlichen Berichterstattung heruntergespielt wird, um den Fortgang der Kämpfe nicht in Frage zu stellen.

Sechstens wird Information banalisiert. Es bestehet kein Zweifel mehr, das Böse ist die Ursache und Gier der Grund für den Krieg. Strukturelle Analysen über den Krieg werden zurückgewiesen und verlacht. Transparenz und Krieg sind Gegensätze!