Die Betroffenen zeigen besonnene, einfühlsame, verständige Reaktionen. Es gibt keine nachträgliche Hexenjagd. Es wird differenziert betrachtet, abgewogen, interpretiert. Man erfährt viel über den barbarischen Polizeistaat Rumänien, brutale Praktiken des berüchtigten Geheimdienstes, das breit gefächerte Unwesen der Securitate. Das meiste aus Pastiors Biografie ist bekannt, jetzt folgen kleine Details. Sie widersprechen nicht dem Bild, sie komplettieren es: Pastior schuldlos schuldig, Rumänien ein linksfaschistischer Kerker, inhuman, despotisch, böse.

Müller sagt, sie sei zuerst voller Wut gewesen, dann aber traurig. Natürlich würde sie Pastior, wenn er noch lebte, damit konfrontieren und Auskunft verlangen, aber nicht verurteilend, sondern in Anteilnahme. Ähnlich äußern sich andere, die Pastior schätzen. Der allgemeine Befund: Es gibt eine Verstörung - aber es ändert sich nicht die Wertschätzung der Person und des gepriesenen Werks.

Das ist gut so. Bisher gab es noch keinen Fall solch besonnener Reaktion. Das macht Hoffnung. Es geht nicht darum, reflexartig abzuurteilen. Es geht um ein differenziertes Urteil, soweit es möglich ist. Dieses humane, differenzierende Verhalten sollte kein Einzelfall bleiben, gleiches Maß für alle gelten. Das ist aber, gerade in Österreich, zu bezweifeln. Pastiors Geschichte lehrt, dass es Umstände gibt, die das (Fehl-)Verhalten einer Person verstehbar machen, wenn schon nicht entschuldigen. Die Schuld wird nicht aus dem Kontext gerissen, isoliert fokussiert.

Dass Günter Grass sich mit 17 Jahren zur Waffen-SS beriefen ließ, wurde ihm angekreidet. Für viele Gutmenschler war er ein Nazi-Mitläufer, ein Lügner, ein Verräter, ein Schwein. Vielen anderen prominenten Autoren aus seiner Generation widerfuhr die gleiche rigide Pauschalverdächtigung und -verurteilung. Keine Rede von Fairness.

Vielleicht führt der Fall Pastior auch zu einer Neubewertung des Terrors der Tugendwächter. So, wie es nicht um einen Generalverdacht, eine Pauschalverurteilung gehen darf, soll umgekehrt nicht bagatellisiert oder entschuldigt werden. Aber zwischen diesen beiden Extremen gibt es das Feld einer besonnenen Bewertung.

Haimo L. Handl ist Politik- und Kommunikationswissenschafter.