Man sollte sich die Rahmenbedingungen ansehen, unter denen Korruption geschieht. Die paradigmatische Henne-Ei-Frage lautet hier: "Bestimmt der Mensch die Rahmenbedingungen oder sind es diese, die den Menschen in seinen Handlungen determinieren?"

Die (Un-)Schuldfrage, die sich im Korruptionsfall aufdrängt, wird leider immer so gestellt, dass man bewusst oder unbewusst die dunkle Seite des Motivs beleuchten will. Man kann ohne Weiteres von einem blinden Fleck sprechen, den man sich auf die mentale Maske malt. Kurz und bündig gesagt: Korruption hat etwas mit dem entwickelten Charakter zu tun. Die Betonung liegt auf Entwicklung, denn im konkreten Fall handelt es sich um defizitäre Typen, die eindeutig an einem Minderwertigkeitskomplex leiden.

Dies sich selbst einzugestehen, kommt ihnen genauso wenig in den Sinn, wie sich diese die korrupte Handlung eingestehen zu wollen. Gier ist keine Zier, das weiß man und lebt, wenn man sozial anerkannt sein will, besser ohne sie. Warum wohl ist für viele an Schalt- und Schnittstellen unseres wirtschaftsliberalen Systems die Versuchung so groß, immer wieder nach dem Korruptionsköder zu greifen? Das Bild vom Fisch an der Angel ist sicher treffend, wenn man die gegenseitige Abhängigkeit zwischen Bestechenden und Bestochenen sozialhygienisch diagnostiziert.

Es ist zwar ein gewagter gedanklicher Sprung, wenn man neben der Gesellschaft der Angler noch andere Freizeitsozietäten, wie die der Golfer, Jäger oder Jachtfreunde in der Form assoziiert, indem man die Austragungsstätten dieser Sportarten oder Hobbys auch als Orte erkennt, wo helle und dunkle Geschäftspraktiken geschehen. Wer noch so weit gehen will und diverse Clubs, wohltätige Bruderschaften und freiwillige Verneinungen mit Korruptionsbrutstätten in Verbindung bringt, wird sicher von manchen verständnisloses Kopfschütteln ernten.

Der österreichische Charakter mit seinem Charme, den man zum Kulturerbe machen wollte, wird durch die Korruption auf Österreichisch zu einem bekannten Phänomen zwischen Balkan und Bakschisch, womit wir wieder in der guten K&K-Ära angelangt sind, die die österreichische Seele noch lange nicht abgestreift hat. In den Korruptionsfällen kommt es zu einer bekannten Rollendiffusion, wo sich Opfer und Täter als solche nicht identifizieren lassen.

Die bekannten Rollen rückwärts in der Bekundung der Schuldlosigkeit sind menschlich verständlich, die unverschämte Ahnungslosigkeit oder besser Selbstverständlichkeit, mit der man sich letztlich an Steuergeldern bereicherte, ist für die Österreicher nicht mehr zu ertragen. Die Politikerverdrossenheit hat mit der Korruptionslawine ihren Höhepunkt erreicht. Es ist höchste Zeit, die Negativauslese inferiorer Politikerpersönlichkeiten zu stoppen, um der Talfahrt des demokratischen Klimas Einhalt zu gebieten. Es geht um integre Persönlichkeiten, die wieder motiviert sind, sich als Mandatare für den demokratischen Staat zur Verfügung zu stellen.

Franz Witzeling ist Soziologe und Psychotherapeut.