- © www.godany.com
© www.godany.com

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in Tripolis verkündete der Chef der Rebellen-Regierung, Mustafa Abdul Jalil, künftig werde im mit Nato-Hilfe befreiten Libyen "die Scharia wichtigste Quelle der Gesetzgebung" sein; Islamisten und Muslimbrüder verlangen die Hälfte aller Ministerposten. Fast zeitgleich wurde der türkische Premier Recep Erdogan in Kairo von euphorisch jubelnden Muslimbrüdern empfangen, die ihn um die Errichtung eines gemeinsamen islamischen "Kalifates von Ägypten und der Türkei" ersuchten. Dazu passt, dass nur kurz davor ein von Radikalen gesteuerter Mob Israels Botschaft in Kairo abgefackelt hatte und nur in letzter Sekunde daran gehindert werden konnte, die anwesenden Israelis zu lynchen.

Dass sogar ein Mann wie der libysche Rebellen-Premier Jalil, der als ausgesprochen moderat und prowestlich gilt, nun plötzlich die Scharia als "Quelle der Gesetzgebung" vorsieht, hat einen recht simplen Grund: weil das die Mehrheit seiner Landsleute grundsätzlich auch so sieht. Und zwar nicht nur in Libyen, sondern - wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß - in weiten Teilen der islamischen Welt.

Der nicht eben sonderlich islamkritische Londoner "Economist" berichtete jüngst, laut aktuellen Umfragen hielten mehr als zwei Drittel der wahlberechtigten Ägypter das "Steinigen von Ehebrechern", das "Auspeitschen von Dieben" und "die Todesstrafe für Muslime, die ihre Religion wechseln wollen" für eine gute Sache.

Es wird deshalb interessant sein zu beobachten, zu welchem Ergebnis ein demokratischer Prozess nach westlichem Muster in Ländern führen wird, deren Elektorat solche Werte vertritt. Nicht auszuschließen ist leider, dass dieses Ergebnis wesentlich weniger sympathisch sein könnte als der demokratische Prozess selbst und das neue Ägypten nicht gerade nach den Vorstellungen und Grundwerten der "Generation Facebook" vom Tahrir-Platz konstruiert werden wird.

Von weltweit mehr als 50 Staaten mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung entsprechen derzeit gerade zwei oder drei den Kriterien eines demokratischen Rechtsstaates, rechnete der "Economist" trocken nach: Die Frage, ob Islam und Demokratie eher nur ausnahmsweise oder doch regelmäßig miteinander vereinbar sind, ist also nach wie vor ziemlich offen, um es optimistisch zu formulieren.

Je klarer das wird, umso schmerzhafter wird das Dilemma des Westens. Dass in Syrien am Ende die Islamisten gewinnen, kann genauso wenig in seinem Interesse sein wie ein allfälliger Bürgerkrieg in der Erdölzentrale Saudi-Arabien nach einem allfälligen Sturz der dortigen Despoten-Clans. Doch die realpolitische Alternative, Bashar al-Assad in Damaskus und besonders das Königshaus in Riad in schlechter alter Tradition einfach als das geringere Übel zu akzeptieren so wie früher Hosni Mubarak, wird die Attraktivität westlicher Werte in der islamischen Welt nicht eben
himmelhoch steigern - und den Anhängern von Scharia und Kalifat ein handfestes Argument an die Hand geben.