Alexander von der Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen.
Alexander von der Decken ist außenpolitischer Redakteur in Bremen.

Der Sturm der Freiheit, der in Arabien seinen Ausgang nahm, wächst sich zu einem Orkan der Empörung aus, der rund um den Globus zieht. Immer mehr Menschen wenden sich ab von ihren Regierungen und fordern, was nur allzu menschlich ist: mehr Menschlichkeit in der Politik. Es zeichnet sich ein neues Zeitalter ab, das maßgebliche Impulse durch die neuen sozialen Netzwerke erhält.

Streben die Menschen in Nahost noch ans Licht der Freiheit, wurde in England, Spanien, Israel und den USA gegen die Auswüchse der Freiheit demonstriert. Das hat eine neue Qualität. Denn es zeigt, dass in den Wohlstandsnationen ein Kampf ums Überleben begonnen hat, der die Menschen radikalisiert, weil der Politik die Moral abhanden gekommen ist. Die politische Klasse ist in der öffentlichen Wahrnehmung zu einer Kaste der Konkursverwalter verkommen, die um der Macht willen den Souverän mit Blendrhetorik dumm zu halten versucht. In solch einem Umfeld ist kein Platz für politische Visionen oder gar Utopien. Die aber sind in Zeiten des Umbruchs, wie wir ihn derzeit erleben, überlebensnotwendig.

Eine austarierte Demokratie ist immer auch ein philosophisches Gebilde. Es gibt bei Albert Camus den Begriff des "Mittelmeerischen Denkens", einer Philosophie der Grenzen und des Maßes, die vereinfacht nichts anderes sagt, als dass ich die Grenzen, die ich mir zugestehe, auch als Grenze anderer mir gegenüber akzeptieren muss. Vereinfacht: Akzeptiere ich Mord als politisches Instrument, muss ich auch Mord an mir akzeptieren. Dieses "Mittelmeerische Denken" sollte verstärkt Eingang in das politische Denken finden. Gesellschaftliche Strukturen, Regierungen also, müssen den Menschen wieder in den Fokus ihres Handelns rücken und ihn in eine Politik einbetten, deren Prämisse Transparenz und Ehrlichkeit ist. Sprich: Aus der absurden Situation des Menschen, in der er sich derzeit in den ökonomischen Turbulenzen befindet, gegen die er sich nach Camus aufzulehnen hat - soll sein Leben einen Sinn haben -, ist eine Revolte der Unzufriedenheit geworden. Und es sollte eine Revolte bleiben, denn die Revolte orientiert sich immer an dem jeweils Erreichten. Sie unterliegt keinem historischen Determinismus wie die Revolution, die den Menschen als formbares Mittel zum Zweck betrachtet, um einem fernen Ziel entgegenzustreben. Die Revolte darf in keine Revolution münden, denn dann würde der alte Terror nur durch einen neuen ersetzt, und gewonnen wäre dadurch nichts.

Die Entwicklung der politischen Emanzipation in Nahost beginnt die westlichen Gesellschaften zu durchdringen. Die Demokratie ist in die Jahre gekommen, ihre Mechanismen erreichen die Menschen nicht mehr. Die immer feinere Vernetzung der sozialen Netzwerke führt zu einer zunehmenden Demokratisierung des Individuums, das seine Forderungen nun selber vertritt. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann dies zu einer weltumspannenden Solidarität führt. Eine neue, spannende Ära bricht an. Die Frage ist nur, ob die Politik mit ihren tradierten Denkmustern darin noch eine Rolle spielt. Die Demokratie bedarf dringend eines Updates.