Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter und Lektor an der Universität Wien und im Masterlehrgang für interkulturelle Soziale Arbeit der Fachhochschule Vorarlberg.
Thomas Schmidinger ist Politikwissenschafter und Lektor an der Universität Wien und im Masterlehrgang für interkulturelle Soziale Arbeit der Fachhochschule Vorarlberg.

Seit dem Jahr 2000 ruft die Unesco am 21. Februar den Internationalen Tag der Muttersprache aus. Dieser soll der "Förderung sprachlicher und kultureller Vielfalt und Mehrsprachigkeit" dienen. Dass er in Österreich bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde, hat wohl auch mit dem mittlerweile dominanten Integrationsverständnis zu tun.

Es steht eigentlich außer Zweifel, dass eine Gesellschaft eine gemeinsame Verkehrssprache braucht und sozialer und ökonomischer Aufstieg in Österreich selbstverständlich eine entsprechende Kompetenz in deutscher Sprache benötigt. Dass österreichische Integrationspolitik primär aus Deutschkursen besteht, widerspricht jedoch allen Erkenntnissen der Sprach- und Bildungsforschung, die seit vielen Jahren zweifelsfrei die Bedeutung der Muttersprache für den Erwerb von Zweit- und Drittsprache nachgewiesen haben. Wo muttersprachlicher Schulunterricht angeboten wird, beschränkt er sich auf eine oder höchstens zwei Stunden in der Woche und lebt vom Engagement Einzelner.

Ganz besonders wichtig wären jene Muttersprachen, die keine Amts- und Staatssprachen sind, deren Sprecher diskriminiert werden und die auch in ihren Herkunftsregionen nur einen geringen Status besitzen. Die Sprachwissenschafterin Katharina Brizic hat schon 2007 in ihrem Buch "Das geheime Leben der Sprachen" die negativen Folgen des forcierten Sprachwandels und des niedrigen Status von Muttersprachen für den Spracherwerb in der Migration nachgewiesen und damit die spezifischen Schwierigkeiten unterdrückter sprachlicher Minderheiten aus der Türkei und von Roma aus Südosteuropa beim Erwerb der Zweit- oder Drittsprache Deutsch erklärt. Trotzdem schallt die alte Litanei von den Deutschkursen parteiübergreifend aus dem Integrationsstaatssekretariat oder der Gemeinde Wien, ohne sich über den sprachlichen Reichtum Österreichs in Europa Gedanken zu machen.

Der Status von Sprachen ist allerdings zentral für den Bildungserfolg, und spätestens in der Europäischen Union stellt sich auch die Frage nach den Amts- und Bildungssprachen Europas. Dabei geht es nicht nur um das Russische, das am vergangenen Wochenende in einer Volksabstimmung in Lettland als weitere Amtssprache abgelehnt wurde, sondern auch um andere Minderheitensprachen, ganz besonders jene von ökonomisch und politisch marginalisierten Bevölkerungsgruppen, wie den zehn Millionen europäischen Roma und Sinti, von denen mehr als fünf Millionen Romanes als ihre Muttersprache sprechen. Damit wird Romanes von mehr Europäern gesprochen als beispielsweise Slowenisch, Irisch, Litauisch, Lettisch oder Estnisch. Trotzdem ist Romanes im Gegensatz zu diesen Sprachen keine Amtssprache der EU. Die Aufwertung des Romanes zu einer europäischen Amtssprache wäre ein wichtiges Signal gegen den wachsenden Rassismus gegen Roma in Ungarn, Italien, Tschechien und anderen europäischen Staaten. Damit würde endlich ein Präzedenzfall dafür geschaffen, dass man nicht erst einen eigenen Nationalstaat kreieren muss, um der Diskriminierung der eigenen Muttersprache zu begegnen.