Ton van Zutphen ist Director Global Capitals von World Vision, war mehr als 25 Jahre lang in der Entwicklungs- und Katastrophenhilfe in verschiedenen Ländern tätig und leitete mehr als ein Jahr die Katastrophenhilfe in Haiti.
Ton van Zutphen ist Director Global Capitals von World Vision, war mehr als 25 Jahre lang in der Entwicklungs- und Katastrophenhilfe in verschiedenen Ländern tätig und leitete mehr als ein Jahr die Katastrophenhilfe in Haiti.

Der gelernte Europäer nimmt mit Recht an, dass Ernährungshilfe ein treffsicheres Mittel sei, um eine bereits sehr verarmte und hungernde Bevölkerungsgruppe in einer von Dürre heimgesuchten Region vor dem Tod zu bewahren. So wie im Vorjahr eine Hungerkatastrophe am Horn von Afrika - im medialen Schatten des Arabischen Frühlings - Millionen Menschen von Nahrungsmittelhilfe abhängig machte, stehen die Hilfsorganisationen jetzt vor einer ähnlichen Herausforderung in den sieben Staaten der Sahelzone.

Die alljährlich im Mai hereinbrechende Hungersaison erfasst die Bevölkerung im Sahel heuer schon im März! Es zeichnet sich deutlich ab, dass sich die Versorgungslage in allen Ländern zwischen Senegal und Sudan wieder zu einer Katastrophe für Millionen Menschen auswachsen wird. Gründe dafür sind Missernten in Folge anhaltender Dürre und die unsichere Lage, etwa im Norden Malis und in Teilen Nigerias. Wir sehen eine Kombination von Dürre, Transportproblemen, Unsicherheit und starken Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln. Das knappe Angebot ließ die Getreide- und Maispreise schon Ende 2011 rasant steigen, dafür fallen die Fleischpreise in den Keller. Hier bringt Nahrungsmittelhilfe für Mensch und Tier eine kurzfristige Besserung.

Aber genauso wichtig wie die kurzfristige Hilfe für bedrohte Bevölkerungsgruppen ist der bewusste Kampf gegen Unterernährung von Kindern unter fünf Jahren. Es gibt klare Beweise dafür, dass ständige Unterernährung von Kindern nicht nur die primäre Ursache der hohen Todesraten, sondern auch der wichtigste Indikator für das Ausmaß einer Hungersnot ist. Mit der Unterernährungsrate von Kindern reduziert man auch die generellen Auswirkungen von Dürre und Hungersnot. Wir wissen auch, dass Unterernährung von Kindern niemals "eingeholt" werden kann.

Spezialisierte UNO-Organisationen und NGOs wie World Vision setzen gezielt auf Spezialnahrung mit hochwertigen Spurenelementen und jodiertem Salz für Kinder und deren Mütter, insbesondere schwangere und stillende Frauen. Betrachtet man dabei längere Zeiträume, so wirkt reichhaltige Ernährung für Kinder und Mütter als entscheidende Präventivmaßnahme für den Ernstfall einer Nahrungsmittelkrise, wie wir sie jetzt im Sahel erleben. Schon im Rahmen der dauerhaften Entwicklungszusammenarbeit schafft der Zugang zu Nahrungsmitteln höherer Qualität die physischen und psychischen Voraussetzungen, sich aktiver am Wirtschaftsleben zu beteiligen. So arbeiten immer mehr Frauen in landwirtschaftlichen Kooperativen mit und legen Gemüsegärten an. Dadurch können sie nicht nur ihre Kinder mit den nötigen Nährstoffen versorgen, sondern sogar einen Teil ihrer Produkte verkaufen - es beginnt eine Spirale nach oben.

Wenn diese Kette von dauernder Unterernährung bei Kindern in großem Umfang durchbrochen wird, gibt es eine gewisse Chance, eine ganze Generation aus der Armut zu reißen. Essenziell ist, dass Politiker, Lehrer und Behörden zusammenarbeiten. Nur dann ist ein großer Schritt vorwärts möglich. Das hat uns etwa Brasilien vorgezeigt.