Philip Hautmann ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter.
Philip Hautmann ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter.

"Wenn China erwacht, erzittert die Erde", sinnierte einst Napoleon. Ein solcher Prozess ist nun im Gange und hat bereits seine mittelschweren Eindrücke innerhalb der Weltwirtschaft hinterlassen. Das Beste scheint freilich noch zu kommen - aber was? China als verlängerte Werkbank oder als Fabrik der Welt, die die Produktionskapazitäten aus dem Ausland absaugt? China als entwickeltes Industrieland, das den globalen Angebotsüberschuss und das Problem der weltweiten industriellen Überkapazitäten ins Unerträgliche verschärft? Abgesehen von der enormen Umweltbelastung und dem Ressourcenhunger, rückt das Land auf das Niveau eines gehobenen Lebensstandards vor?

Möglicherweise ist Chinas Erwachen also mit schweren Verwerfungen verbunden, innerhalb der Weltwirtschaft und mehr noch innerhalb Chinas. Die Unerbittlichkeit, mit der die chinesische Führung jegliche Dissidenz verfolgt und unterdrückt, könnte als Ausdruck einer Paranoia oder aber gewohnheitsmäßigen Brutalität einer autoritären Gerontokratie betrachtet werden, möglicherweise aber auch als scharfe Wahrnehmung auf eine tatsächliche innere politische Fragilität des Landes - der westliche Beobachter steht vor einigen Rätseln.

Was nun aber, wenn es ganz anders und unerwartet kommt? Dass das Land bei allem erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung mehrere Schwachstellen aufweist, wie einen schwachen Bankensektor, ein regional wie sektoriell unausgewogenes Wachstum und Überkapazitäten, abgesehen von den sozialen Folgen ungleicher Einkommensverteilung, hoher Arbeitslosigkeit, niedriger Rechtsstandards und Korruption sowie hoher Umweltbelastung, ist bekannt. Erstaunlich ist es aber doch, dass Premier Wen Jiabao höchstselbst bei der Eröffnung des heurigen Volkskongresses Chinas Wachstumsmodell als "unausgewogen, unabgestimmt und nicht nachhaltig" bezeichnet hat.

Die Weltbank weist in ihrem jüngsten Bericht über die Wachstumsaussichten Chinas ihrerseits auf eine andere Gefahr hin: dass mit steigenden Einkommen ausländische Konzerne ihre Produktion in andere Länder verlagern und chinesische Produkte nicht mehr so gefragt sein könnten, dass sich China auf die Situation einer "middle income trap" zubewegen könnte. In eine solche "Falle" sind viele Länder geraten, deren Aufschwung zu sehr von außen oder aber von glücklichen Umständen getragen war, ohne dass sie eigenständige innovative Kapazitäten entwickelt und die Transformation zu einer hochentwickelten Binnenwirtschaft geschafft haben.

Insofern China über seine lange Geschichte hinweg immer wieder ein "Innovationsland" war und zu einem nicht unwesentlichen Teil auch heute ist, scheint eine solche Gefahr nicht unmittelbar akut. Die Herausforderungen, mit denen seine Politik ringt, scheinen jedoch geradezu überdimensional. Kommt es also gar nicht zur Herausbildung einer neuen wirtschaftlichen Hypermacht, wie auch nicht zu einem internen Kollaps, sondern schlummert die ebenso bewunderte wie gefürchtete Dynamik des Landes sanft ein? Unerwartete Lektionen erteilt die Geschichte immer wieder.