Philip Hautmann ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter.
Philip Hautmann ist Sozial- und Wirtschaftswissenschafter.

Da hat man so ganz im Allgemeinen wieder einmal geglaubt, die Demokratische Volksrepublik Korea sei eine unreformierbare, monolithische und obendrein bizarre Diktatur. Freilich tat die obendrein auch noch stets auf die größtmögliche Undurchsichtigkeit ihrer eigenen Handlungen bedachte politische Führung auch alles, um diesen Eindruck zu gewährleisten. Zwar wusste man, dass der verstorbene Kim Jong-il begeistert vom chinesischen Wirtschaftsmodell gewesen sein soll und nach diesem Vorbild eine wirtschaftliche Öffnung seines Landes angestrebt habe, gesichtslose Gerontokraten an der Spitze der militärischen Führung, in der man das eigentliche Machtzentrum der nordkoreanischen Politik vermutet, hätten diese Vorstöße jedoch stets zu sabotieren gewusst. Nicht allein, weil ihre Pfründe an der quasi militärfeudalistischen Wirtschaft des Landes hängen, sondern auch, weil sie befürchtet hat, ein derartige Öffnung setze politische, respektive demokratische Prozesse in Gang, die schließlich unkontrollierbar werden und den Zusammenbruch des gesamten Systems herbeiführen würden, so wie am Ende in der Sowjetunion.

Lehren dieser Art will auch die chinesische Führung gezogen haben, zumindest rechtfertigt sie den Umstand, dass sie die innenpolitische und gesellschaftliche Öffnung der wirtschaftlichen hinterherhinken lässt, mit Hinweis auf das Scheitern gleichzeitiger Perestroika und Glasnost unter Michail Gorbatschow. Die wesentliche Lehre ist jedoch, dass ein System, das sich, so wie die kommunistischen, als extrem fortschrittlich ausgibt, mittelfristig in eine ebenso extreme Legitimationskrise kommt, wenn es rückschrittlich wird gegenüber dem Rest der Welt.

Und wenn dadurch die offizielle Parteiideologie von der Überlegenheit des Sozialismus, in dem obendrein bankrotten Nordkorea überhaupt der Zwang zum "Kim Jong-il - Hurra!"-Schreien, immer mehr als grausame Absurdität empfunden wird.

In seinem letzten Lebensjahrzehnt leitete der Große Steuermann Mao über die chinesische Kulturrevolution das totalitärste Regime aller Zeiten ein, das bis zu seinem Tod als solches Bestand hatte. Weniger aus ideologischen Gründen, den besseren sozialistischen Menschen mit Gewalt zu schaffen, sondern um den Flügel der Reformer in seiner Partei zu neutralisieren, die nach seinem Tod an die Macht kamen. Ähnlich scheint es in Nordkorea zu sein. Ein Kim Jong-un, und mit ihm der gesamte Machtapparat, kann sich nicht mehr darauf berufen, der unmittelbare Nachfolger des nach wie vor vom Volk verehrten Staatsgründers Kim Il-sung zu sein, und muss sich schon etwas anderes einfallen lassen, um sich zu legitimieren. Ein wesentliches Element der chinesischen Öffnung war, dass die Volksbefreiungsarmee bereit war, ihre Kommandoposition über Wirtschaft und Gesellschaft freiwillig abzugeben. Wenn es schon nicht die Gerontokraten an der nordkoreanischen Militärspitze sind, so könnte das bei jüngeren nordkoreanischen Militärs durchaus der Fall sein. Und wird es hinter den Kulissen wahrscheinlich auch sein.