Hans Pechar ist Leiter des Instituts für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung an der Universität Klagenfurt. - © Foto: Foto Wilke
Hans Pechar ist Leiter des Instituts für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung an der Universität Klagenfurt. - © Foto: Foto Wilke

"Vorwärts Genossen, wir wollen zurück." Nach diesem Motto hat der VSStÖ kürzlich vor der SPÖ-Zentrale die sozialdemokratischen Bildungsgrundsätze der Ära Bruno Kreiskys beerdigt, um gegen die sich abzeichnende Änderung der Parteilinie beim Hochschulzugang zu protestieren. Die Inszenierung dieser skurrilen Veranstaltung bediente sich aller Symbole katholischer Heiligenverehrung. Nur der Weihrauch fehlte. "Es ist ein Armutszeugnis", so VSStÖ- Vorsitzende Jessica Müller in ihrer Grabesrede, "dass die damalige Hochschulpolitik der SPÖ zukunftsorientierter war als die heutige."

Sie hat recht, freilich in einem Sinn, der ihren Intentionen diametral widerspricht. Die SPÖ hat in den vergangenen Jahren an Zukunftsorientierung eingebüßt, weil sie Maßnahmen der Vergangenheit zu zeitlosen Grundsätzen erhoben hat. Der Protest des VSStÖ richtet sich gegen erste zaghafte Versuche der Partei, wieder Tritt zu fassen.

In den frühen 1970er Jahren haben sozialdemokratische Reformen die österreichischen Universitäten aus der Stagnation der restaurativen Nachkriegsjahre herausgeführt. Die Maßnahmen zur sozialen Öffnung haben die mentalen Barrieren gelockert, die Familien ohne höhere Bildung daran gehindert hatten, für ihre Kinder einen Hochschulbesuch auch nur in Erwägung zu ziehen. Diese Politik war auf die konkreten Rahmenbedingungen ihrer Zeit zugeschnitten. Das gilt auch für den offenen Zugang.

Österreich folgte damals nicht dem Weg Deutschlands (ebenfalls sozialdemokratisch regiert), in einzelnen Fächern, in denen der Andrang die Kapazitäten sprengte, Zugangsbeschränkungen einzuführen. Die damalige Wissenschaftsministerin Hertha Firnberg begründete das mit einer Einschätzung des weiteren Verlaufs der Hochschulexpansion. In Österreich werde es zu keinen Kapazitätsengpässen kommen. Aber nicht deshalb, weil man die Kapazitäten grenzenlos ausbauen, sondern weil sich der Andrang in engen Grenzen halten werde. Gestützt auf Prognosen glaubte Firnberg, dass sich aufgrund sinkender Geburtenjahrgänge die jährlichen Erstinskriptionen in den 1990er Jahren bei einem Wert von 10.000 einpendeln würden. Nachzulesen in den Hochschulberichten dieser Zeit. Tatsächlich sind in den 1990er Jahren 20.000 Studenten pro Jahr an die Unis übergetreten, heute sind es 50.000.

Ende der 1970er Jahre hat übrigens auch ein anderes sozialdemokratisch regiertes Land den offenen Zugang abgeschafft. Als Folge erfolgreicher Bildungsreformen ist in Schweden der Andrang an die Universitäten schon damals so stark gestiegen, dass eine Regelung des Zugangs unvermeidlich wurde. Schon erstaunlich, wie unbekümmert der VSStÖ ignoriert, dass es in diesem Rollenmodell sozialdemokratischer Bildungspolitik flächendeckende Aufnahmeverfahren an den Unis gibt.

Falls es ihm tatsächlich um Zukunftsorientierung geht, sollte er nicht nostalgische Nabelschau betreiben, sondern einen gründlichen Blick auf Bildungssysteme werfen, in denen keine ideologischen Luftschlösser gebaut, sondern Nägel mit Köpfen gemacht werden.