Werner Stanzl ist Publizist und Dokumentarfilmer.
Werner Stanzl ist Publizist und Dokumentarfilmer.

Just zur 80-jährigen Wiederkehr der Machtergreifung des Monsters aus der oberösterreichischen Provinz erinnerte das deutsche Parlament mit kapitalem Versagen an die Weimarer Republik. Bleibt zu hoffen, dass es sich nie als Wetterleuchten jenes Prozesses entpuppen möge, der seinerzeit das Abgleiten in die Nazi-Diktatur besiegelte. Auslöser war die aufs Neue gestiegene Zahl der Euromillionäre. An sich ein Anlass zu gratulieren, stünde den 830.000 Betuchten nicht das Heer der Loser gegenüber. Und auch die Zahl dieser, die vom Lohn ihrer Arbeit kaum leben, geschweige denn eine Familie ernähren können, ist angestiegen - auf runde zehn Millionen.

Anstehende Bundestagswahlen im Visier, entschloss sich Kanzlerin Angela Merkel endlich für eine Steuerreform zugunsten der Geringverdiener. 6 Milliarden Euro sollten in deren Taschen fließen. Allerdings wurde das fiskalische Reformwerk in einem Aufwasch Rohrkrepierer und Lacher der Karnevalsaison.

Denn: Zuletzt zahlten die Loser bei einem zu versteuernden Jahreseinkommen von 9000 Euro 148 Euro an Steuern. Die Reform hätte ihr Dasein um monatliche 1,45 Euro verbessert. Es kam aber noch schlimmer: Da Steuergerechtigkeit angesagt war, galt es, auch die Betuchten zu bedenken. Großverdienern von 250.000 Euro und mehr hätte das Reformwerk 116 Euro oder monatlich knapp 11 Euro gebracht. Nicht viel? Das sagt sich leicht, trifft’s aber nicht. Schließlich geht es unter Millionären nicht um absolute Zahlen, sondern um Prozentsätze. Und der lag beim Achtfachen des Zugewinns der Kleinverdiener.

Dem aufmerksamen Leser werden die Konjunktive nicht entgangen sein. Dieses Zahlenspiel des Bundestags hätte das Abnicken der Länderkammer gebraucht. Doch das Reformwerk ward ein Fraß der Reißwölfe.

Und der Aufschrei der Medien? Nichts da! Die waren anderweitig beschäftigt. Hatte doch ein alternder Wirtschaftsminister namens Rainer Brüderle bewiesen, dass er von gutem Benehmen genauso wenig versteht wie von Wirtschaft, und nach erheblichem Riesling-Konsum die Oberweite einer Hamburger Journalistin gesehen und etwas von "dirndlfüllend" gesabbert. Was die Norddeutsche als sexistischen Übergriff wertete und im "Stern" ausschlachtete.

Daraufhin kreisten die Talkshows nur noch um dieses Thema. Und die Printmedien wälzten eine Sexismusdebatte vor sich her, wissend, dass weibliche Oberweiten bei "Bild"- und "Stern"-Lesern tiefer gehen als selbst der eigene Schandlohn und die latente soziale Schieflage.

Also wurde dank der Oberweite der Journalistin das tragische Ausmaß parlamentarischen Versagens in der alles entscheidenden Sozialdebatte nicht einmal registriert.