Philippe Narval ist Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach.
Philippe Narval ist Geschäftsführer des Europäischen Forums Alpbach.

Die Krise hat Europa weiterhin im Griff. Die derzeitige Rhetorik und kleinkrämerische Einstellung, die wir zuletzt im Kontext zu den Verhandlungen des mittelfristigen Finanzbudgetrahmens beobachten konnten, ist besorgniserregend, zumal die "Verhandlungserfolge" der einzelnen Nationalstaaten kaum die Begeisterung für Europa unter seinen Bürgern steigern werden. Doch wie kann Europa den Bürgern das Gefühl geben, für sie da zu sein? Wie können Europas Eliten das Vertrauen der Bürger gewinnen und gemeinsam mit ihnen am europäischen Integrationsprojekt arbeiten?

Neue Erkenntnisse in der Schnittstelle zwischen den Sprachwissenschaften und der Gehirnforschung zeigen auf, welche Bedeutung gerade Werte und metaphorische Konzepte im öffentlichen Diskurs haben können. Doch die Befürworter eines vereinten Europa haben es vernachlässigt, sich mit diesen Erkenntnissen ausreichend zu beschäftigen. Stattdessen scheinen Entscheidungsträger in dem Gedankenkonstrukt des 18. Jahrhunderts und seinem Glauben an den rein rationalen Geist des Menschen verhaftet geblieben zu sein.

Sprache und der Gebrauch von Metaphern im öffentlichen Diskurs verdienen mehr Aufmerksamkeit, da sie primär unterbewusste Werthaltungen und Emotionen ansprechen, welche ungeachtet der Faktenlage entweder progressive oder reaktionäre Haltungen fördern. Wir denken in Metaphern, aber derzeit verfügen jene politischen Kräfte über die sprachliche Deutungshoheit, die traditionelle Bilder und damit verbundene Wertehaltungen ansprechen und so die Sehnsucht der Menschen nach Sicherheit befriedigen.

In der Öffentlichkeit werden europäische Institutionen als distanzierte Akteure wahrgenommen, die auf die zunehmende Komplexität gesellschaftlicher Herausforderungen mit nur noch komplexeren Regulativen antworten. Wo ist die Emotionalität, wo die Begeisterung, ja wo zeigt sich, um den Sozialethiker Clemens Sedmak zu zitieren, der Humor als "die Fähigkeit, mit Unvollkommenem umzugehen"? Doch genau diese Werkzeuge braucht es, um den Positionen jener Kräfte zu widersprechen, die mit unreflektierter Kritik und groben Vereinfachungen bei ihrem nationalen Publikum punkten wollen.

Bei der Lösung der europäischen Finanzkrise kann man sich nicht auf einen leeren Solidaritätsbegriff berufen, der in Wirklichkeit nur die Angst vor einem Kollaps weiterer systemrelevanter Banken oder Mitgliedsländer vermehrt.

Europa braucht keine professionelle Werbekampagne, denn der Integrationsprozess ist kein Produkt, das man dem Bürger schönreden muss, sondern die Vertreter des Chancenprojekts Europa inklusive der Zivilgesellschaft müssen sich in der Kommunikation etwas Neues einfallen lassen. Wir müssen es schaffen, die inneren Werte der Bürger Europas anzusprechen, um die tiefliegenden Ursachen für die derzeitige Lage, die sich im nationalstaatlichen Denken begründen, zu überwinden. Das theoretische Rüstzeug dafür steht bereit; aber sind wir bereit, dafür die geeigneten Sprachbilder zu entwerfen?