Patricia Mouamar ist Kommunikationsmanagerin bei World Vision Libanon.
Patricia Mouamar ist Kommunikationsmanagerin bei World Vision Libanon.

Wie viele andere Burschen in seinem Alter imitiert Abdurrahman, ein 9-Jähriger aus Syrien, gerne Geräusche. Heute machte er den Lärm von Raketen nach. Er begann mit einem "Bumm". Dann machte er ein pfeifendes, flüsterndes Geräusch, gefolgt von der kindlichen Nachahmung einer Explosion. Sorgfältig ließ er ein paar Sekunden Pause zwischen den Geräuschen, um ganz exakt zu sein.

Die Geräusche, die er machte, waren ausgesprochen realistisch. Sie erinnerten mich sofort an den Lärm der Raketen, den ich gehört habe, als ich in seinem Alter war - während des Bürgerkriegs im Libanon.

Als Libanesin, aufgewachsen in einem Land, das zerrissen war von Konflikt und Gewalt, konnte ich nicht anders, als Abdurrahmans Hand festzuhalten und ihm zu sagen, er müsse stark bleiben - für seine Schwestern und seinen Bruder. "Sie brauchen Dich", sagte ich ihm. Alles, was es gebraucht hat, waren ein paar Sekunden und Geräusche aus dem Mund eines Kindes und all die Erinnerungen an Zerstörung und Angst, die ich immer noch in mir trage, kamen erneut hoch.

Wird er sich an die Szenen erinnern, wenn er erwachsen ist? Wird er sich daran erinnern, um sein Leben gerannt zu sein? Ich weiß es nicht. Ich weiß aber, dass ich mich daran erinnere! Ich erinnere mich an den Geruch der Angst meiner Mutter - in ihren Armen in einem Bunker während heftiger Bombardements Mitte der 80er Jahre. Diese Erinnerung wird mich nicht mehr loslassen. Viele von uns Libanesen brüsten sich damit, wie widerstandsfähig wir sind, dass wir diese Gewalt, die seit Jahrzehnten unser Land zerstört, verkraften. Von Zeit zu Zeit rebellieren wir dagegen, dann sind wir wieder völlig abgestumpft, schauen weg und stellen uns blind gegenüber dem ganzen Elend - so geht es vielen auch mit den syrischen Flüchtlingen.

Syrische Flüchtlinge gibt es in jedem Winkel des Libanon. Ihre Zahl ist extrem angestiegen, die Regierung schätzt sie bereits auf mehr als eine Million alleine im Libanon - eine schwere Last für ein Land mit nur vier Millionen Einwohnern. Ich bin Libanesin und in der humanitären Hilfe tätig. Hier helfen zu können ist Fluch und Segen gleichzeitig. Man hat definitiv das erfüllende Erlebnis, etwas zu bewirken, aber der Weg dorthin ist einfach nur schmerzvoll. Meine Arbeit ist physisch, mental und emotional herausfordernd.

Es ist leicht, uns selbst einzureden, dass wir nur wenig tun können, um etwas zu ändern - angesichts dieser Verzweiflung und enormen Hilfsbedürftigkeit. Aber ich glaube, dass in so einer Situation selbst Kleinigkeiten einen großen Unterschied machen. Manchmal bedeutet einfach nur ein Lächeln einem Notleidenden viel, wenn er das Gefühl hat, niemand hört ihm zu. Deswegen versuche ich mich immer hinzusetzen und aufmerksam zuzuhören, wenn ich Familien besuche.

Niemand sollte je das Gefühl haben, dass eine Krise so groß ist, dass man nicht mehr helfen kann. In der Syrienkrise bedeutet jede Hilfe etwas! Auch wenn wir den Flüchtlingen nicht alles geben können, was sie brauchen, hilft es ihnen, wenn sie wissen, dass es Menschen gibt, die an sie denken, für sie beten und sie unterstützen. Es hilft ihnen, denn sie wissen, sie sind nicht allein.