Christian Ortner.
Christian Ortner.

Es war ein bemerkenswerter Augenblick, als die 631 deutschen Bundestagsabgeordneten und die Regierung vor der Kanzlerwahl Anfang der Woche einige Schweigeminuten für Nelson Mandela einlegten. Dass Europas mächtigstes Parlament just in diesem Moment einen ausländischen Staatsmann so ehrt, ist selten. An Emotionalität noch übertroffen wurde das von Barack Obamas Trauerrede in Südafrika - der erste schwarze US-Präsident erwies Südafrikas erstem schwarzen Präsidenten seinen Respekt, die Gefühle wogten da mächtig hoch.

Doch die weltweite Berichterstattung über diese emotionalen Tage zeigte auch, wie sehr die medialen und politischen Meinungsführer Politik immer mehr nach den Regeln des Showgeschäftes inszenieren. Mandela wurde posthum als globaler Mega-Popstar abgehandelt und zur Projektionsfläche aller möglichen Sehnsüchte und Wünsche stilisiert, wie eine Mischung aus Papst, Mutter Teresa und Mahatma Gandhi.

Darin dürfte sich nicht zuletzt auch eine fast weltweit zu diagnostizierende Unzufriedenheit und Verärgerung der Bürger über die Mediokrität, Fantasie- und Mutlosigkeit ihrer jeweiligen Politiker widerspiegeln. Jemand, der wie Mandela aus einer fast ausweglosen Lage heraus das für richtig Erkannte mit ungeheurer Konsequenz so lange und gegen allerhärteste Widerstände betreibt, bis er sein Ziel erreicht, muss einem heutigen Politikkonsumenten zwangsläufig wie eine überlebensgroße Figur erscheinen. In ähnlichem Kontext dürfte auch die gerade wieder feststellbare nostalgische Verklärung John F. Kennedys oder Willy Brandts zu erklären sein.

Nun wird zwar die emotional höchst aufgeladene Inszenierung rund um Mandelas Tod weltweite emotionale Sehnsüchte befriedigen - sie steht freilich seiner realistischen Einordnung im historischen Kontext entgegen. Einen Heiligen kann man nur verehren, nicht beurteilen, auch wenn die Heiligsprechung nicht durch den Vatikan, sondern den politisch-medialen Komplex erfolgte.

Deshalb wird vielen jüngeren Menschen zum Beispiel nicht geläufig sein, dass die duldende Distanz der westlichen Demokratien gegenüber dem widerwärtigen Apartheid-Regime in Südafrika vor dessen wohlverdientem Untergang 1990 hauptsächlich der Tatsache geschuldet war, dass Mandela und seine Freiheitsbewegung ANC offen mit dem Kommunismus sympathisierten. Und man wollte nicht das Risiko eines atomar bewaffneten Verbündeten der UdSSR im Süden Afrikas eingehen.

Verstellt wird durch Mandelas Überhöhung auch der Blick auf die Wirklichkeit in Südafrika, die leider wenig erfreulich ist: Korruption blüht, Gewalt ist alltäglich, die Kriminalitätsrate enorm und das Leben der meisten Schwarzen noch immer prekär. Selbst die linksliberale "Zeit" berichtete von "3000 Opfern, die auf Südafrikas Bauernhöfen ermordet wurden seit dem Beginn der demokratischen Reformen, vor allem weiße Farmer".

Mandelas gewaltige historische Verdienste, Südafrikas Apartheid friedlich beendet zu haben, schmälert dies nicht im Geringsten; sie im historischen Kontext realistisch zu bewerten, ist trotzdem notwendig.

ortner@wienerzeitung.at