Nedad Memic ist Chefredakteur von "Kosmo", dem größten mehrsprachigen Monatsmagazin Österreichs (deutsch/bosnisch/kroatisch/serbisch). Davor war er Journalist und Projektmanager in verschiedenen Medien.
Nedad Memic ist Chefredakteur von "Kosmo", dem größten mehrsprachigen Monatsmagazin Österreichs (deutsch/bosnisch/kroatisch/serbisch). Davor war er Journalist und Projektmanager in verschiedenen Medien.

"Wer Armut sät, wird Zorn ernten", lautete ein Graffito am vorige Woche verbrannten Gebäude der kantonalen Regierung in der bosnisch-herzegowinischen Hauptstadt Sarajevo. Kein anderer Satz hätte die jüngsten Ereignisse dort kompakter erklären können. Bosnien-Herzegowina ist das korrupteste Land am Balkan, in dem fast 50 Prozent der Bevölkerung und 60 Prozent der Jugendlichen arbeitslos sind. Es ist ein Land, in dem teils kriminelle politische Eliten Kriegstraumata und ethnische Ressentiments immer wieder schüren, um weiterhin an der Macht zu bleiben.

Nun hat zum ersten Mal nach dem Krieg die Bevölkerung ihren Unmut gegen die herrschenden Strukturen lautstark geäußert - und dieser Unmut war nicht ethnisch, sondern sozial ausgerichtet. Dass dem so ist, zeigen bisherige Reaktionen der politischen Elite und deren Medien: Die regierende Riege im serbisch-dominierten Landesteil Republika Srpska spricht von den "orchestrierten Demonstrationen, um die Republika Srpska zu gefährden", für einen Teil der kroatischen politischen Führung sind diese Demos ein Versuch der "Bosniaken, die kroatische Autonomie in Bosnien-Herzegowina noch mehr zu beschneiden", während ein Teil der politischen Elite der Bosniaken von der "Destabilisierung des Landes und einer möglichen Einführung des dritten kroatischen Landesteils" spricht. Gegenseitige, teils panische Beschuldigungen der Politakteure zeigen, dass die Demonstranten auf den Straßen Bosnien-Herzegowinas zumindest eines erzielten: Sie jagten ihrer politischen Führung einen Schreck ein und zeigten, dass auch die Straße die Rolle eines politischen Korrektivs übernehmen kann.

Es wäre wahrlich noch sehr früh, von einem "Bosnischen Frühling" zu sprechen. Diese Demonstrationen dauern zu kurz, sie sind nicht massenhaft genug, und die Forderungen der Demonstranten sind bei weitem noch nicht ausgearbeitet. Was aber einen Funken Hoffnung gibt: Die engagierten Bürger in Bosnien-Herzegowina haben begriffen, dass sie durch Demonstrationen und andere Formen der Partizipation - etwa durch die Bürgerversammlungen, die bereits in Tuzla oder Sarajevo tagten - über ihre Probleme, Ängste und Sorgen offen sprechen und so Demokratie ausbauen können. Denn in Bosnien-Herzegowina haben die politischen Vertreter bisher alles andere getan, außer ihren Wählern zu dienen. Sie nutzen ihre Posten vor allem, um sich und ihre Familien zu bereichern, Volksgruppen gegeneinander auszuspielen und mit deren tiefsten Emotionen zu spielen. Jetzt wurden sie endlich von einem beträchtlichen Teil der Bevölkerung durchschaut. Während die politischen Eliten von Verschwörungstheorien raunen, scheint das die Bürger auf der Straße nicht zu tangieren. Das zeigen auch Umfragen, laut denen 88 Prozent der in beiden Landesteilen Bosnien-Herzegowinas befragten Bevölkerung die Proteste unterstützen. Nun ist der Ball wieder bei den Menschen auf der Straße: Sie müssen den Schwung nicht verlieren, ihre Forderungen klarstellen und sich vor der politischen Instrumentalisierung schützen. Die ganze Welt blickt interessiert auf sie . . .