Andrea Wagner-Hager ist Geschäftsführerin von Care Österreich (www.care.at).
Andrea Wagner-Hager ist Geschäftsführerin von Care Österreich (www.care.at).

Ich sitze in einer armseligen Blechhütte in einem riesigen Slum in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch. Der Monsun prasselt auf das undichte Wellblechdach. In dem Raum leben vier junge Mädchen, die in einer der vielen Textilfabriken arbeiten. Es ist schwül und dunkel. Über den Boden huschen Schaben. Die wenigen Habseligkeiten der Mädchen sind in ein schiefes Regal gestopft. Viele Textilarbeiterinnen sind krank und schlecht ernährt. Sie sind zahlreichen Belästigungen ausgesetzt - daheim oder an ihrem Arbeitsplatz. Sie sollten eigentlich zur Schule gehen, doch ihre bitterarmen Familien auf dem Land sind auf ihren Lohn angewiesen.

Projekte von Hilfsorganisationen helfen diesen Mädchen, ihre Rechte zu kennen, etwas zu lernen und sich zur Wehr zu setzen.

Wieso das wichtig ist? In Bangladesch stehen vielen Frauen und Mädchen nur zwei Berufe offen: Textilarbeiterin oder Prostituierte. Letztere fristen ihr Leben ungeschützt unter brutalen Bedingungen. Doch auch in der Textilindustrie werden Frauen und Mädchen ausgebeutet, und zwar nicht nur in Bangladesch. Sie bezahlen bei schrecklichen Unfällen in den Fabriken mit ihrer Gesundheit oder ihrem Leben. Ein hoher Preis für wirtschaftliches Wachstum und Textilien, die billigst erzeugt werden. Finden Sie nicht?

In vielen Ländern ist es immer noch ein erheblicher Nachteil, als Mädchen geboren zu werden. Es ist kaum möglich, Abhängigkeit und Unterdrückung zu entkommen. Deshalb ist Malala aus Pakistan für mich eine Heldin. Entschlossen kämpft sie gegen den Widerstand der Taliban dafür, dass Mädchen zur Schule gehen dürfen. Ihr Mut hätte Malala beinahe ihr Leben gekostet, aber sie hat sich nicht einschüchtern lassen.

Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Die Ausbildung und die Stärkung der Frauen und Mädchen in allen Bereichen der Gesellschaft sind ein wirksames Mittel zur Armutsbekämpfung. Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass nur jene Gesellschaften, die Frauen und Männern rechtlich und wirtschaftlich gleiche Chancen geben, langfristig Wohlstand und sozialen Frieden erzielen können.

Auch bei uns war es vor hundert Jahren noch ein Kampf für ein Mädchen, ein Gymnasium zu besuchen und danach gar zu studieren. Es gab viele mutige Frauen, die dazu beigetragen haben, dass wir heute in Europa selbstverständlich gleichgestellt und aktive, selbstbestimmte Mitglieder unserer Gesellschaft sind - bei allen Schwierigkeiten, die es immer noch gibt.

Deshalb finde ich den Weltfrauentag gut. Erinnern wir uns an die mutigen Vorreiterinnen, die uns den Weg in ein unabhängiges Leben geebnet haben, und denken wir an die Millionen Frauen und Mädchen in armen Ländern, in Flüchtlingslagern und Kriegsgebieten. Seien wir solidarisch mit ihnen. Nicht nur in Gedanken, sondern auch in unserem Verhalten.