"Education cannot compensate for society." Diese berühmte Formulierung des britischen Bildungssoziologen Basil Bernstein stammt aus dem Jahr 1970. Die aktuelle Bifie-Erhebung zur Überprüfung der Bildungsstandards in Englisch und Mathematik bestätigt Bernsteins Einsichten in vollem Umfang. Wie bekannt, zeigt sich in der Erhebung der Englischkompetenzen, stark verkürzt gesagt, dass die Neue Mittelschule (NMS) praktisch idente Ergebnisse mit der Hauptschule aufweist. Und das, obwohl diese Schulform kleinere Klassen, mehr und qualifizierteres Personal bereitstellt und den Anspruch formuliert, intensiver und individueller zu betreuen - was sie teurer macht als die Hauptschule. Viele Steuerzahler denken sich daher nun: Die NMS hat versagt, schade ums Geld.

Aber: Ginge es im Rahmen des Bestehenden überhaupt besser? Dazu muss man drei Fakten aus dem Bericht herauslesen, die in der öffentlichen Rezeption unter den Tisch gefallen sind. Erstens: Betrachtet man die sozialen und ethnischen Hintergründe, so besuchen die NMS praktisch dieselben SchülerInnen wie die Hauptschule. Zweitens: Bildung wird vererbt - und dies bezieht sich nicht nur auf Bildungschancen oder Bildungsverläufe.

Fakt ist vielmehr, dass soziale Herkunft mit Leistung, also konkret messbaren Testresultaten, korreliert. Während 29 Prozent der Kinder, deren Eltern maximal einen Pflichtschulabschluss haben, in der Bifie-Erhebung das niedrigste Referenzniveau in der Lesekompetenz hatten, betrifft das nur 4 Prozent der Kinder aus Akademikerhaushalten.

Drittens: Die Ausdifferenzierung von Leistungsunterschieden, die aus der unterschiedlichen sozialen Herkunft resultieren, beginnt nicht mit der Teilung in Hauptschule-NMS-AHS, sondern schon in der Volksschule. Die Erhebung zeigt, dass Leistungsunterschiede nicht nur in einer Klasse, sondern zwischen verschiedenen Volksschulen stark ausgeprägt sind. Auch hier lässt sich der Zusammenhang von Schulleistung und sozialer Herkunft nachweisen. Die soziale Schichtung eines Bezirks bestimmt die Qualität der Schule mit, weil die NMS mit den Schülern arbeiten muss, die sie bekommt.

Bezogen auf die Eingangsfrage, was man von der NMS wirklich erwarten kann, muss die Erkenntnis aus der Bifie-Erhebung sein: Wenn der Zusammenhang zwischen Schulleistung, Bildungschancen und sozialer Herkunft ein so hoher ist, baut die Schule auf Kompetenzen auf, die im informellen, außerschulischen Lernen, also in sozialisatorischen Prozessen erworben werden (etwa eine bestimmte Art der Sprachbeherrschung). Und wenn die Institution Schule so aufgebaut ist, dass sie Kinder ab zehn Jahren trennt, und die NMS mit einer sozial homogenen und tendenziell bildungsfernen Schicht arbeiten muss, wird sie bestehende Verhältnisse reproduzieren, anstatt einander angleichen.

Da helfen die ausgefeilteste Didaktik und zusätzliche Mittel wenig. Die Schule ist keine Wunderwaffe, mit der gesellschaftlich produzierte Formen von Ungleichheit einfach weggewischt werden können. Erziehung kann - wie eingangs erwähnt - gesellschaftliche Probleme nicht kompensieren.