Christian Ortner.
Christian Ortner.

Konsumieren die Profis in den Handelsräumen großer Banken, Versicherungen, Pensionsfonds und anderer professioneller Investoren bewusstseinsverändernde Drogen, während sie Deals über hunderte Millionen abwickeln? Das musste sich jeder unvoreingenommene Beobachter fragen, der das jüngste Geschehen auf den Finanzmärkten etwas aufmerksamer beobachtete.

Da gelang es dem finanziell ausgezehrten Krisenstaat Portugal, den Geldgebern Anleihen in Höhe von 750 Millionen Euro für sagenhaft niedrige 3,6 Prozent Zinsen anzudrehen - damit werden portugiesische Staatsanleihen von den Märkten als ähnlich sicher eingestuft wie etwa jene der USA, die derzeit etwas unter 3 Prozent Rendite bieten. Ein Geschäft mit hohem Risiko und viel zu geringem Ertrag also, das man als Anleger nur bekifft eingehen kann?

Nüchtern betrachtet: Natürlich nicht, denn die absurd niedrigen Zinsen für Portugal (und vor Ostern das noch viel weniger kreditwürdige Griechenland) liegen weder an einem Irrtum der Gläubiger noch an einer dramatischen Verbesserung der Zahlungsfähigkeit, sondern daran, dass die Geldgeber fest davon überzeugt sind, dass letztlich Deutschland und die anderen solventeren Eurostaaten für diese Anleihen haften werden. Jene Eurobonds - also eine Vergemeinschaftung der Staatsschulden in der Eurozone -, gegen die sich vor allem Deutschlands Kanzlerin bisher mit Händen und Füßen gewehrt hat, sind damit Realität; zwar nicht de jure, aber durchaus de facto.

Einen, wenn auch wesentlich kleineren Beitrag zur wiedergewonnenen Kreditwürdigkeit der südlichen Krisenländer hat auch die unpopulärste Maßnahme seit der Erfindung der Einkommensteuer geleistet: jene Austeritätspolitik, die auf der Erkenntnis basiert, dass Staaten auf lange Sicht nicht immerzu mehr ausgeben als einnehmen können. Dass Griechenland heuer erstmals einen leichten Überschuss des Staatshaushalts vorzeigen kann - freilich leider nur, wenn man die Zinszahlungen ausklammert -, ist ja nicht freiwilligen Sparbestrebungen geschuldet, sondern im Wesentlichen von Deutschland erzwungen worden. Das hat Angela Merkel zwar strenge Rügen aus dem Camp jener eingebracht, die Schuldenkrisen mit noch mehr Schulden lösen wollen, Griechenland aber doch dabei geholfen, wieder so etwas Ähnliches wie kreditwürdig zu werden, und sei es nur dank unausgesprochener Haftungen seiner Partner in der EU. Ähnliches gilt für Portugal.

Auch wenn es noch zu früh für ein valides Urteil ist: Nicht wenig deutet darauf hin, dass Merkels Austeritätskur zwar sehr unerquicklich für die Betroffenen war und ist, am Ende aber doch einen Heilungsprozess bewirkt hat und alternativenlos war. "Muss ich mich also bei Angela Merkel entschuldigen? Stellvertretend für die vielen Sparskeptiker, die offenkundig alle falsch lagen?", fragte sich daher jüngst ein prominenter linksliberaler Kolumnist der nicht eben kanzlerinnenhörigen Hamburger "Zeit". Eine nicht ganz unberechtigte Frage. Wobei "Sparen" in diesem Kontext ohnehin nicht jene Bedeutung hat, wie sie umgangssprachlich üblich ist: Schließlich stiegen die Staatsschulden der Eurozone allein seit 2010 von 85,5 Prozent des BIP auf 93,6 Prozent an. Brutale Austerität sieht irgendwie anders aus.