Bernhard Leubolt ist Polit-Ökonom und Lateinamerikanist und arbeitet als wissenschaftlicher Assistent am Department Sozioökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien. In Kürze erscheint sein Buch zu gleichheitsorientierter Politik in Brasilien und Südafrika in der Reihe "Globale politische Ökonomie" des VS-Springer Verlags.
Bernhard Leubolt ist Polit-Ökonom und Lateinamerikanist und arbeitet als wissenschaftlicher Assistent am Department Sozioökonomie der Wirtschaftsuniversität Wien. In Kürze erscheint sein Buch zu gleichheitsorientierter Politik in Brasilien und Südafrika in der Reihe "Globale politische Ökonomie" des VS-Springer Verlags.

In den vergangenen Wochen hat Brasilien eine Welle des Protestes gegen die Fußball-Weltmeisterschaft erlebt. Schon im Juni 2013 gab es einen ersten Vorgeschmack auf die heurige WM: die größte Protestwelle seit den 1980ern, als Millionen gegen die Militärdiktatur und für Demokratie und soziale Rechte demonstrierten. Überwiegend Angehörige der Mittelschichten protestierten auf den Straßen der größten Städte Brasiliens gegen die Ausrichtung des Fifa Intercontinental Cups sowie der 2014 stattfindenden Weltmeisterschaft.

Ihre Forderungen spannten einen breiten Bogen: Anfänglich war es die linke "Freifahrtbewegung", die in São Paulo gegen teurere Bustickets demonstrierte. Nachdem die mehrheitlich regierungskritischen Medien von Gewaltexzessen der Polizei berichteten, beteiligten sich immer mehr Menschen aller politischen Orientierungen an den Protesten. Die Themen, mit denen die Großveranstaltungen verknüpft wurden, vervielfältigten sich dabei. Am prominentesten waren Forderungen nach mehr Geld für Schulen und Krankenhäuser statt für Stadien sowie Kritik an Korruption.

Die Forderungen richteten sich also vordergründig an die Regierung. Seit 2003 wird Brasilien von einer von der Arbeiterpartei angeführten Koalition regiert. Seither verzeichnet das Land ein deutliches Schließen der sehr großen Einkommensschere, das vordergründig eine Erhöhung des Mindestlohns um inflationsbereinigte 80 Prozent ermöglicht hat. Zusätzlich hat die Regierung verstärkt in Sozialpolitik und öffentliche Infrastruktur investiert. Nachdem die 1990er von Privatisierung und sinkenden Investitionsquoten geprägt waren, konnten die Probleme in den vergangenen Jahren bestenfalls gelindert, aber nicht gelöst werden: Öffentliche soziale Dienstleistungen sind weiterhin schlechter als teure private. Die steigenden Einkommen ermöglichten mehr Menschen den Erwerb von Autos und Motorrädern, sodass der Alltag in den Städten zunehmend durch Verkehrsstaus und Luftverschmutzung erschwert wird. Als Teil der WM-Vorbereitung wurde zwar verstärkt der öffentliche Verkehr ausgebaut, doch jahrzehntelange Versäumnisse konnten nicht in so kurzer Zeit wettgemacht werden.

Außerdem generiert die erfolgreiche Armutsbekämpfung auch neue Proteste der Mittelschichten: Im von Ungleichheit geprägten Land gibt es zahlreiche schlecht bezahlte Dienstleistungen, wie sie etwa Haushälterinnen oder Sicherheitspersonal verrichten, die nun höher entlohnt werden müssen. Während in den vergangenen Jahren viele Jobs in diesen Bereichen entstanden sind, stagnieren Löhne und Stellenangebote für Ober- und Mittelschichten. Deren Angehörige leiden unter einer Inflation, die teurere Dienstleistungen und teurerer Wohnraum - besonders in den WM-Ausrichtungsstädten - antreiben. Der relative Statusverlust führt zu Unzufriedenheit, die - gestützt durch konservative Medien - auf die "korrupte Regierung" projiziert wird.

Die aktuelle Stimmungslage richtet sich also gegen ein Großereignis, das mit Korruption und unnötigen Luxus-Investitionen verknüpft wird. Trotz teilweise übertriebener Gewalt seitens Polizei und Demonstranten sind die aktuellen Geschehnisse aber auch Ausdruck von Meinungsvielfalt und Demokratie in Brasilien.