Die zukünftigen Kosten der - auf tausende Jahre nötigen - sicheren Endlagerung der hochradioaktiven Spaltprodukte und die Kosten des AKW-Rückbaus - der länger dauern könnte als die Betriebszeit davor - bringen die objektive Endrechnung des Atomstroms immer klarer auf den Tisch. Augenwischereien mit kurzfristigen Rechnungen müssen gegenüber den gebotenen Nachhaltigkeitsrechnungen hintanstehen.

Marco Büscher ist Unternehmensberater mit Fokus Japan, China, Kommunikation und Kapitalmärkte.
Marco Büscher ist Unternehmensberater mit Fokus Japan, China, Kommunikation und Kapitalmärkte.

Die Atomstrom-Produzenten reklamieren, eine "zu schnelle Energiewende" oder die "zwangsweise Abschaltung" älterer AKW verursache hohe Kosten. Ursprünglich war die Nutzungsdauer eines AKW mit rund 30 Jahren kalkuliert; nun werden AKW teilweise seit mehr als 40 Jahren betrieben. Mit Atomstrom verdienten die Konzerne und ihre Anteilseigner jahrzehntelang viel Geld. Könnten sie ein Interesse haben, Folgekosten und Folgerisiken auf die Allgemeinheit abzuwälzen und die Stromkunden über Steuergelder für den bereits bezahlten Atomstrom erneut zur Kasse bitten?

In Deutschland wurde jüngst eine staatliche Stiftung vorgeschlagen, die AKW-Abriss und Endlagerung übernehmen könnte. Die Energieversorger sind aufzufordern, zu belegen, dass die von ihnen zu bildenden Rückstellungen (in Deutschland ist von 30 Milliarden Euro die Rede) tatsächlich vorhanden und nachhaltig angelegt sind - und zudem ausreichen, um Altlasten und Folgekosten zu bezahlen.

Könnte ein Energieversorger die erforderlichen Zahlungen nicht leisten, würde dies "Bad Bank"-Fragen auslösen? Die Erfahrungen aus Fukushima lehren die unkontrollierbaren Gefahren, Ländergrenzen bieten keinen Schutz.

Vorarlberg wartet weiter ab, ob die vor über einem Jahr angekündigte Klage gegen das Schweizer AKW Mühleberg eingebracht wird. Dessen sofortige Abschaltung verlangte kürzlich ein Volksbegehren - das Volk im Kanton Bern nahm die Initiative nicht an. Die Sicherheit des AKW, das nun noch bis 2019 weiterlaufen soll, ist umstritten. Ungelöste Probleme bestehen wohl vor allem bei der Not-Kühlung. Bis Ende Juni muss die Betreiberin dem Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorat Sicherheitsmaßnahmen aufzeigen. Die Swissnuclear ließ indes verlauten, dass die Schweizer AKW-Betreiber gar Beschwerde gegen die revidierte Jodtabletten-Verordnung erheben und die Ausweitung der Versorgungszone verhindern wollen, die einen Umkreis bis 50 Kilometer rund um ein AKW umfasst. Die geschätzten Kosten von 30 Millionen Franken müssten die AKW-Betreiber tragen. Diese scheinen der Ansicht, dass die Verordnung keine Rechtsgrundlage habe und Verhältnismäßigkeitsprinzipien verletze. Sind die verhältnismäßig geringen Kosten ein Vorwand, um eine Sensibilisierung des Bewusstseins für die AKW-Risiken in der Bevölkerung zu vermeiden?

Insgesamt sollen 4,6 Millionen Schweizer Jodtabletten erhalten, nach der alten Regelung waren es 1,2 Millionen. Wie ernst nimmt man jene 137.285 Menschen, die für die sofortige Abschaltung des AKW Mühleberg votierten?

Rund um Fukushima konnten viele nicht in ihren Lebensraum zurückkehren. Was würde die AKW-Betreiber eine dem Risiko angemessene (länderübergreifende) Natur- und Bodenwertversicherung kosten? Und wer würde das Risiko versichern?