Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.
Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Zugegeben - am vorletzten Tag zu einer Ausstellung zu gehen, ist nicht gerade der Inbegriff von Aktualität. Aber das, worum es bei "Ein Blick hinter die Kulissen der Stadt" ging, erschöpft sich nicht in einer Ausstellung. Diese hat nur etwas auf dem Radar der öffentlichen Wahrnehmung auftauchen lassen, was seit einigen Jahren ein Insider-Trend ist: Urban Exploring. Damit bezeichnet man eine spezifische Freizeitgestaltung von jungen Leuten. Während andere Partys feiern, machen sie sich auf die Suche nach außerordentlichen Orten in der Stadt. Was aber ist ein außerordentlicher Ort für einen Urban Explorer? Was macht einen Ort erkundenswert?

Sie sind auf der Suche nach alten Fabriken, ehemaligen Arbeitswelten, verlassenen Häusern, vergessenen Schächten oder aber unerwarteten Höhenperspektiven, wie etwa dem Blick von einem Kran oder vom Dach einer Kirche. Womit klar ist, dass es auch um den Reiz des Verbotenen geht, häufig verbunden mit einer wirklich nicht ungefährlichen körperlichen Herausforderung. Wobei die jungen Leute einsteigen oder eindringen - aber nichts mitnehmen. Ihr Kodex: "Nimm nichts mit außer Fotos. Lass nichts zurück außer Fußabdrücken."

Was aber treibt sie an? Der Thrill von Verbot und Gefahr alleine reicht nicht aus. Denn dieser würde sich schnell erschöpfen, gäbe es da jenseits der Übertretung nichts anderes zu finden. Stand früheren Generationen für ihre Ausbrüche die "Welt offen", so ist diese Generation darauf angewiesen, in einer durchgehend erkundeten, vermessenen, interpretierten Welt andere Räume für andere Erfahrungen, für ihre Erfahrung des Andersseins zu finden. In dieser geschlossenen Welt steht Zivilisationsflucht kein Außen mehr zur Verfügung. Auch die Natur ist nicht mehr der Ausweg der Jungen. Sie sind keine Aus-, sondern Einsteiger. Dafür bleiben ihnen nur jene blinden Flecken in der Stadt, die "nicht als Spektakel entworfen wurden" (Guy Debord).

Blinde Flecken finden sie auf zwei Achsen. Die eine Achse ist die Höhe des Raums. Dächer oder Kräne sind keine vorgesehenen Orte, keine vorbereiteten Plätze für Besucher. Und man versteht, dass dieser "eroberte" Blick von oben ein rauschhaftes Selbstermächtigungserlebnis sein muss. Auch wenn man ihnen gerne nachdrücklich zurufen würde: Bitte passt auf! Das ist viel zu gefährlich! Die zweite (wesentlich interessantere) Achse aber ist jene in die Tiefen der Zeit: die verfallenen, verwilderten Orte. Wobei diese ebenso private Gebäude wie verlassene Produktionsräume sein können. Eine moderne Version von Ruinenästhetik? Nicht ganz. Denn Ruinenästhetik ist immer nostalgisch: In ihr lebt die Sehnsucht nach einer alten Ordnung. Den modernen Explorern geht es aber - wie an ihren Bildern abzulesen ist - um Orte, wo es keine intakte Ordnung mehr gibt. Orte, an denen es keine wie immer geartete Macht mehr gibt. Orte, die befreit von Bedeutung sind. Kurzum - Urban Explorer sind auf der Suche nach Freiräumen. In einer Welt aber, die ein Kontinuum von Nutzung, Ordnung und Effizienz ist, finden sie diese Freiräume nur im Verfall: in aufgelösten Ordnungen, in verlassenen Welten, in "lost places". Freiheit bedeutet frei von all dem. Solches Niemandsland aber ist das Bild der Freiheit, das junge Leute heute haben.